Panik auf dem Narrenschiff: Angst vor Ausbruch der Weltwirtschaftsdepression nimmt zu

Webster G. Tarpley, Tarpley.net, 25.08.2010

Das US-Finanzministerium teilte vor Kurzem mit, dass Chinas offizieller Bestand an US-Staatsanleihen zwischen April und Mai dieses Jahres um rund USD 30 Milliarden von USD 900 Milliarden auf USD 868 Milliarden zurückging. Laut den US-Behörden bedeutet dies, dass sich der chinesische Bestand von US-Regierungspapieren jetzt auf dem niedrigsten Niveau der letzten 12 Monate befindet. Nun stellt ein Rückgang zwischen 2% und 3% keinen gigantischen Abverkauf dar, sondern bedeutet ganz einfach, dass sich China gerade im Prozess der Diversifikation befindet. Es ist auch sehr wahrscheinlich, dass China mehr US-Staatsanleihen hält, als aus den offiziellen Angaben hervorgeht, höchstwahrscheinlich durch Stellvertreterkäufe über Hong Kong und andere Orte.

Mit den Bestandsverkäufen von Eigenheimen in den Vereinigten Staaten, die, wie heute Morgen bekannt wurde, um 27% einbrachen, sowie den verheerenden Statistiken zur Arbeitslosigkeit und zu den Zwangsvollstreckungen, sollte es offenkundig sein, dass sich die US-Wirtschaft in einer Depression befindet. Selbst auf dem Sender CNBC befragte Experten fangen damit an, sich dieser offenkundigen Tatsache bewusst zu werden.

Weltweite Anleiheblase

Am 24.08.2010 erreichte die US-Staatsanleihe mit zweijähriger Laufzeit ihren höchsten Preis seit Aufzeichnung dieser Daten, was bedeutet, dass die Rendite ein Rekordtief erreichte. Momentan stürzt sich die gesamte Welt auf US-Staatsanleihen und viele Käufer können davon einfach nicht genug bekommen. Das macht die Reaktionäre des rechten Flügels zum Gespött, die ständig wiederholen, die USA würden bald Griechenland gleichen, nicht in der Lage Geld aufzunehmen.

Sollten die Märkte – so wie es die idiotische Theorie der Österreichischen Schule besagt – Dinge wissen, die Einzelpersonen nicht wissen können, dann signalisiert der Markt mit Sicherheit einen großen Wunsch nach kurz- und langfristigen US-Staatsanleihen. Der Hauptgrund für diese Nachfrage ist natürlich Angst und Panik, angetrieben durch die anwachsende Erkenntnis, dass sich die Welt tatsächlich in der zweiten Welle einer weltweiten Wirtschaftsdepression kolossalen Ausmaßes befindet.

Es gibt jetzt eine riesige internationale Anleiheblase, wozu unter Anderem auch die Staatsanleihen der Vereinigten Staaten und Deutschlands zählen. Seit dem blitzartigen Absturz des Dow Jones am 06.05.2010 sind viele Investoren komplett aus den Aktienmärkten geflohen. Es ist noch zu zeitig um aufgrund einer bevorstehende Deflation Alarm zu schlagen, aber die Deflation als solches erscheint nun als konkrete Möglichkeit am Horizont, ganz einfach deshalb, weil so viele bedeutende Finanzakteure nun daran glauben, dass die Zukunft von der Deflation geprägt sein wird. Sollte dies so eintreten, würde es bedeuten, dass die Depression wesentlich mehr den Jahren 1929 bis 1933 gleichen würde und weniger einer relativ milden Situation, so wie wir sie in den vergangen zwei Jahren erlebten.

Die Depression könnte sich für die Masse der Bevölkerung auch in etwas noch wesentlich entsetzlicheres verwandeln. Ein Nebenprodukt wäre, dass zu einem beträchtlichen Rückgang der beliebten Leichtgläubigkeit an Antiregierungslösungen der libertären Österreichischen Schule käme, die für Jene mit Geld zurechtgeschneidert wurde und nur sehr wenig Anziehungskraft auf Menschen hat, die arbeitslos und obdachlos sind und gerade verhungern.

Am 24.08.2010 erreichte der japanische Yen ein 15-Jahreshoch gegenüber dem Dollar und ein 9-Jahreshoch gegenüber dem Euro. Diese Art der Währungsführerschaft ist ein Phyrrhussieg, den keiner haben will, da es nichts weiter heißt, als dass die japanischen Exporte nun in Schwierigkeiten kommen. Das wirkliche Währungschaos und die gleichzeitige Weltdepression verdeutlichen aufs Neue die dringende Notwendigkeit der Wiederherstellung des Bretton-Woods-System der fixen Wechselkurse, das vor 39 Jahren durch Nixon und Kissinger auf Anraten von Milton Friedman und anderen Quacksalberökonomen vernichtet wurde.

Im vergangenen Jahr bestand der Hauptschwerpunkt der Finanzzentren in London und New York in den Bemühungen mithilfe spekulativer Angriffe auf Staatsanleihen Griechenlands, Spaniens, Portugals und einiger anderer Länder die Depression nach Europa zu exportieren. Dies wurde alles erdacht um eine panikartige Flucht aus dem Euro einzuleiten, die es den Angloamerikanern im Gegenzug erlaubt hätte den akkumulierten Reichtum dieses alten Kontinents zu plündern und zu filetieren. Das war kein Ereignis des Marktes, sondern ein orchestrierter strategischer Angriff, inspiriert von Figuren wie Soros, Einhorn und Paulson.

Während des Monats Juli und der ersten Hälfte des Augusts dieses Jahres wurde jedoch deutlich, dass dieser Blitzkrieg scheiterte und die ursprünglich ausgearbeiteten Ziele nicht erreicht wurden. Aber die Angloamerikaner – die alten Zirkusclowns, die nur eine Nummer drauf haben – könnten an ihrer Angriffsstrategie festhalten.

China wehrt den Angriff der USA und Großbritanniens auf den Euro ab

Bei dem angloamerikanischen Hedge-Fonds-Angriff, wie er auf dieser Internetseite dokumentiert wurde, kamen als Hauptwaffe Kreditausfallversicherungen (CDSs) gegen griechische, portugiesische und spanische Staatsanleihen zum Einsatz. Das Scheitern von London und New York, während der Monate Mai und Juni dieses Jahres eine Panikflucht aus dem Euro zu verursachen, geht zum Teil auf die Selbstverteidigungsmaßnahmen Deutschlands zurück, zu denen auch Leerverkaufsverbote von Kreditausfallversicherungen und deutscher Aktientitel gehörten. Darüberhinaus spielte China bei der Unterstützung des Euros eine entscheidende Rolle.

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass die Chinesen die Entscheidung getroffen hatten die Zerstörung des Euros während der Monate Mai und Juni nicht zuzulassen. Diese Entscheidung war technisch, geschäftlich und politisch motiviert. Da der Euro im chinesischen Handel eine immer größere Rolle einnimmt, ging der Kauf von Euros und Staatsanleihen des Euroraums in Ordnung. Bemerkenswert ist auch, dass sich die Chinesen nicht an ihr Versprechen der radikalen Aufwertung des internationalen Werts des Renminbi hielten, so wie es hysterisch von Tiny Tim Geithner und anderen verlangt wurde.

Die unternehmerischen und politischen Aspekte der Unterstützung Chinas wurden im Juni durch einen Besuch des stellvertretenden chinesischen Premierministers in Griechenland deutlich, der bemerkenswerterweise am Hafen von Piräus stattfand. Der chinesische Abgesandte unterzeichnete mehr als ein Dutzend wichtiger Verträge über Wirtschaftszusammenarbeit unter Anderem in den Bereichen Schiffstransport, Schiffsbau, Telekommunikation und Containerhäfen. Der stellvertretende griechische Finanzminister, Theodoros Pangalos, wurde in der Washington Post mit den Worten zitiert:

„Die Chinesen möchten ein Tor nach Europa. Sie sind nicht wie Wall Street [Schimpfwort], die Papierfinanzinvestments pushen. Die Chinesen handeln mit echten Dingen, mit Handelswaren, und sie werden die reale Wirtschaft in Griechenland unterstützen.“

Die Betonung der Herstellung handfester physischer Waren durch die Chinesen im Gegensatz zu Wall Streets Vertrauen auf Massen an toxischen Derivaten verweist auf die wirkliche Grundlage des wirtschaftlichen Aufstiegs der Chinesen. Wenn die Chinesen schlau sind, werden sie es vermeiden gierig über die Stränge zu schlagen und stattdessen eher gewillt sein der griechischen Arbeiterbewegung großzügige Konzessionen einzuräumen um sie so auf ihre Seite zu bekommen. Auf alle Fälle sind diese in Euro denominierten griechischen Verkäufe der offensichtliche Grund dafür, warum Peking weniger Dollars hält.

Wird Ungarn, Irland oder die Haushaltsausterität den Euro versenken?

Die Angloamerikaner sind immer noch außer sich vor Wut und verzweifelt, da ihr ursprünglicher Angriff auf den Euro nicht funktionierte. Seit Mitte August ist der Euro jedoch wieder von USD 1,30 auf rund USD 1,26 gefallen. Das dürfte zum Teil auf den Rückgang des New Yorker Aktienmarkts und den damit einhergehenden Dollar-Dow Ausgleich zurückzuführen sein. Ein weiterer negativer Faktor sind die zweifelsohne schrecklichen und dummen deflationären Strategien, die seitens vieler EU-Regierungen in einem feigen Versuch eingeleitet wurden weitere spekulative Angriffe abzuwehren. In einer Depression sind Regierungsausgaben das Hauptmittel um die gesamte Wirtschaft zu stützen, daher sind Einschnitte beim Haushalt nichts weiter als ein Rezept für eine wirtschaftliche Katastrophe, wie einige EU-Länder nun wieder feststellen werden. Ein weiterer Faktor ist ganz einfach der Monat August, in dem das katholischen Europa, wozu auch Frankreich, Italien, Spanien und Bayern zählen, dazu neigt eine Pause einzulegen.

Wo wird die nächste Panik ausbrechen?

Die Welt befindet sich in einer Zeit uneinheitlicher Signale und gegenläufiger Bewegungen. Die Mächte der Depression in Gestalt von USD 1,5 Trillionen an toxischen Derivaten liegen immer noch auf der Lauer und werden, da sie nicht geschreddert, aufgekündigt, verboten oder außer Kraft gesetzt wurden, schon bald wieder einen Weg finden zu explodieren.

Innerhalb der letzten ein oder zwei Tage hat es Berichte über den Abverkauf des ungarischen Forints gegeben. Ungarn befindet sich innerhalb der Europäischen Union, aber nicht innerhalb des Euroraums. Am 24.08.2010 verkündete Standard & Poor´s aufgrund eines negativen Ausblicks eine bedeutende Abstufung von irischen Schulden. Wenn die Panik in Ungarn oder Irland ausbricht, könnte der Euro tatsächlich zusammenbrechen. Auf die Frage, wie man aus der Krise der ungarischen Währung Gewinne schlagen könnte, erklärten Händler gegenüber CNBC ohne zu zögern, dass man dafür die Aktien der österreichischen Banken shorten müsse, die ein Großteil ungarischer Schulden halten. Von dort aus würde sich die Krise dann nach Deutschland weiterbewegen und der gesamte Kontinent säße recht rasch wieder in der Patsche.

Auch das britische Pfund weist massive Schwächen auf und könnte die nächste Währungseinheit sein, die zusammenbricht.

Höchstwahrscheinlich wird Wall Street jedoch das Opfer bleiben. Ein Blick auf den Aktienkurs der letzten drei Monate von Bank of America zeigt, was jeder technische Analyst als ein sehr hässliches Bild ansehen würde. Auch gibt es Gerüchte, dass Citibank im September und Oktober in Liquiditätsschwierigkeiten geraten könnte.

Für diejenigen unter Ihnen, die gerne Kaffeesatz lesen: Jim Cramer von CNBC erklärte heute auf eine Frage zu Citigroup mit nachdrücklichem Eifer „Haltet Citi“ und „Haltet Pandit“. Citigroup, so Cramer, wäre seine „Lieblingsspekulation“. Für Querdenker, die innerhalb der letzten zwei Jahre auch nur irgendetwas dazu gelernt haben, dürfte das bereits genügen um sich in die Flucht zu schlagen. Sollte die Bankenpanik in New York ausbrechen, dann könnte sich der Dollar als das Opfer herausstellen.

Bernanke und QE2

Heute wurde auch das Protokoll des Treffens des Offenmarktausschusses der Federal Reserve vom 10.08.2010 veröffentlicht. Dieses Protokoll enthüllt eine bedeutende Kluft zwischen den Mitgliedern im Verwaltungsausschuss der US-Finanziersoligarchie. Bernanke und sein Mehrheit haben Angst vor einer Deflation und verlangen nach einer neuen Runde der quantitativen Lockerung, die von Wall Street bereits QE2 getauft wurde. Es gibt jedoch auch eine bedeutende reaktionäre Minderheit, Monetaristen der Österreichischen Schule, die Inflation als die größere Bedrohung erachtet und der ein deflationärer Crash nicht ungelegen käme, wie die libertären Tiraden vieler Jahrzehnte verdeutlichten. Diese Spannungen könnten durchaus auf der jährlichen Konferenz der Notenbanker in Jackson Hole in Wyoming Ende dieser Woche wieder an die Oberfläche treten.

Ein weiterer CNBC-Analyst machte die gewagte Vorhersage, dass der Dow Jones in den kommenden Monaten auf 5.000 Punkte abstürzen würde. Sollte dies so eintreten, würde sich dadurch die Gefahr der Deflation verstärken. In einem derartigen Szenario würde der Dollar dazu tendieren gegenüber anderen Währungen an Wert zu gewinnen. Auf der anderen Seite gehört es zu Helikopter Ben Bernankes Markenzeichen das System mit Rettungen und andern Liquiditätsmaßnahmen zu fluten, wenn Deflation zu drohen scheint. Bernanke ist Kapitän des Narrenschiffs, das unter dem Namen QE2 bekannt ist. Wenn eins mit Sicherheit feststeht, dann dass es keine Erholung gibt und die zweite Welle der weltweiten Wirtschaftsdepression die Welt beherrscht.

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