90 Minuten Stillstand an 9/11: Warum wurden die Anforderungen des Secret Service nach Abfangjägern ignoriert?

911Blogger, 21.12.2009

Kurz nachdem das zweite World Trade Center am 11.09.2001 um 09:03 Uhr getroffen wurde, informierte man einen Beamten der Andrews Air Force Base, außerhalb von Washington D.C., darüber, dass der Secret Service den Start von Kampfflugzeugen für die Hauptstadt verlangte. Es war jetzt offenkundig, dass die USA sich mitten in einem terroristischen Angriff befand und Washington ein mögliches Ziel sein könnte. Und dennoch führte die Forderung des Secret Service nirgendwohin.

Als das Pentagon um 9:37 Uhr getroffen wurde, starteten keine Kampfflugzeuge. Offenbar waren bis zu dem Zeitpunkt, als um 10:00 Uhr Flug 93, in Richtung Washington fliegend, in Pennsylvania abstürzte, immer noch keine Kampfflugzeuge gestartet. Tatsache ist, dass die Kampfflugzeuge erst 90 Minuten nach dem zweiten Angriff in New York von Andrews starteten. Der erste vollbewaffnete Kampfjet startete erst zwei Stunden nach diesem Angriff. Warum wurde also nicht auf die frühzeitige Anforderung von Luftunterstützung des Secret Service reagiert? Warum sind die Kampfflieger von diesem riesigen Fliegerstützpunkt der US Air Force erst dann zur Verteidigung der Hauptstadt in die Lüfte gestiegen, als der Angriff schon lange vorbei war?

Der Secret Service ruft das Hauptquartier der Bundesluftfahrtbehörde an

Der Agent des Secret Service, der die frühzeitige Anfrage hervorbrachte, dass Kampfflugzeuge starten sollen, scheint Nelson Garabito zu sein. Garabito war verantwortlich für die Koordination der Bewegungen des Präsidenten und er war auch der Verbindungsmann zwischen dem Secret Service und der Amerikanischen Bundesluftfahrtbehörde (FAA). Er war an diesem Morgen im Secret Service Joint Operations Center (JOC), dem Krisenreaktionszentrums des Secret Service im Weißen Haus. Kurz nachdem Flug 175 um 09:03 Uhr in den Südturm stürzte, rief Garabito seinen gegenüber bei der US-Bundesluftfahrtbehörde, Terry Van Steenbergen, an, der sich zu jener Zeit im FAA Hauptquartier in Washington befand. Nach Angaben der 9/11 Kommission sagte Van Steenbergen zu Garabito, kurz nachdem das Telefongespräch begonnen hatte, „dass es zusätzlich zu den zwei bereits abgestürzten Flugzeugen noch mehrere vermisste Flugzeuge – wahrscheinlich entführt – gäben würde.“

Wahrscheinlich als Reaktion auf diese Informationen, so scheint es, hat Garabito Van Steenbergen gebeten den Start von Kampffliegern für Washington in die Wege zu leiten. Van Steenbergen bat drei seiner Kollegen der FAA unterschiedliche Fliegerstützpunkte zu kontaktieren um herauszufinden, ob man Kampfflugzeuge in die Luft bekommen könnte. Einer dieser Kollegen war Karen Pontius, die zuvor auf dem Andrews Luftwaffenstützpunkt gearbeitet hatte, also rief er dort beim FAA-Kontrollturm an. [1] Garabito sei nicht in der Lage gewesen den Anruf selbst zu machen, weil, so ein Memorandum der 9/11-Kommission, der Secret Service „keine Telefonverbindung zum Andrews Kontrollturm hatte“.

Die Hauptquartier der US-Luftfahrtbehörde fordert Kampfflugzeuge an

Pontius sprach mit Steve Marra, einem Fluglotsen auf dem Andrews Kontrollturm. Marra hatte sich später daran erinnert, dass Pontius „ihm sagte, F-16 Flieger sollten starten um den Luftraum über Washington abzudecken.“ Er leitete diese Informationen an die Nationale Luftwaffenverteidigung des District of Columbia (DCANG) weiter, die ihren Stützpunkt in Andrews auf der anderen Seite der Landebahn gegenüber dem Kontrollturm hat. [2] Dies schien Marra gerade getan zu haben, als ein DCANG-Offizier, Major Daniel Cain, den Kontrollturm anrief und fragte, ob als Antwort auf die Anschläge irgendwelche Luftkontrollmaßnahmen eingeleitet worden sind. [3] Cain erinnerte sich später, dass der Kontrollturm – also Marra – ihm mitteilte, „dass sie soeben einen Abfangauftrag erhielten“. Komischerweise erzählte Caine der 9/11-Kommission jedoch, dass der Kontrollturm in Andrews „bei Abfangbefehlen des Secret Service nicht mit eingeweiht gewesen wäre“.

Als die Nationale Luftwaffenverteidigung des Districts of Columbia über diesen frühzeitigen „Abfangauftrag“ informiert wurde, warum wurde dann nicht nach diesem Auftrag gehandelt? Piloten und andere Mitarbeiter von DCANG in Andrews waren sich bereits über die stattfindende Krise im Klaren. Nachdem sie vom zweiten Absturz erfuhren, rief einer in der Abteilung angeblich „Wir werden von Terroristen angegriffen!“ [5] Und während man die TV-Übertragung der brennenden Türme des World Trade Centers sah, stieß ein Offizier aus: „Verdammte Scheiße, wenn das ein terroristischer Anschlag ist, dann müssen wir was in die Luft bekommen!“

Darüberhinaus sollte eine Anfrage des Secret Service entsprechende Bedeutung haben. Der Autor Lynn Spencer führt hierzu aus: „In Anbetracht dessen, dass der Secret Service den Schutz des Präsidenten besorgt – und dass der Präsident, und wenn dieser nicht zu erreichen ist der Vizepräsident, der oberste Militärkommandeur ist – hat der Secret Service auch ganz sicher Autorität über das Militär und in diesem Fall über die Luftverteidigung des Distrikt von Columbia.“ [6]

Caine ruft seinen Kontaktmann beim Secret Service an

Nach seinem Anruf beim Kontrollturm ruft Daniel Caine seinen Kontaktmann beim Secret Service an, Kenneth Beauchamp, der sich im Operationszentrum des Weißen Hauses befand. Caine sagte der 9/11-Kommission später, dass, nachdem er noch einmal darüber nachgedacht habe, er glaubte gehört zu haben, wie der Kontrollturm einen „Abfangauftrag“ erhielt, was ihn dazu veranlasste Beauchamp anzurufen. [7]

Beauchamp soll jedoch angeblich die Forderung des Secret Service nach Kampfflugzeugen bestritten haben. Und obwohl offensichtlich war, dass die USA angegriffen wurde und es klar gewesen sein sollte, dass Washington ein wahrscheinliches Ziel für weitere Angriffe war, sagte er, dass der Secret Service keine Unterstützung vom DCANG angefordert hatte. Caine fragte: „Haben Sie irgendwelche weiteren Informationen? Benötigt ihr Jungs etwas Unterstützung?“ und Beauchamp antwortete „Nein, aber ich rufe Sie zurück, wenn sich etwas ändert.“

Caine erklärte, dass ihm während dieses Anrufs, den er als „sehr schnelles und verwirrendes Gespräch“ beschrieb, Beauchamp sagte, dass „gerade Sachen passieren und er mich zurückrufen würde.“ [9] Beauchamp rief Caine jedoch nicht zurück. [10] (Ein anderer Secret Service Agent rief Cain jedoch danach an und bat um den Start von Kampfflugzeugen.) [11]

Oberstleutnant Marc Sasseville, dem zu diesen Zeitpunkt verantwortlichen Gruppenkommandeur des 113. Luftwaffengeschwaders von DCANG, sagte: „Wir dachten nicht daran irgendwas zu verteidigen. Unsere hauptsächliche Sorge war, was dem Luftfahrtkontrollsystem passieren würde.“ [12] Doch als der Brigadegeneral David Wherley, der Kommandeur von DCANG, nach dem Angriff auf das Pentagon beim Operationszentrum des Secret Service anrief, flehte ihn Beauchamp an Kampfflugzeuge zum Schutze Washingtons starten zu lassen. Beauchamp sagte: „Wir möchten, dass sie eine Luftwaffenpatrouille über die Stadt bringen. Wir brauche jetzt ein paar Kampfflugzeuge.“ [13]

DCANG-Piloten „hielten sich zurück und warteten“

Zwischen dem Angriff auf den zweiten Turm des World Trade Centers um 9:03 Uhr und dem Angriff auf das Pentagon um 9:37 Uhr schienen die diensthabenden DCANG-Kampfpiloten abgewartet und nur sehr wenig getan zu haben, wo sie sich doch eigentlich hätten beeilen müssen in die Luft zu kommen.

Einer dieser Piloten, Kapitän Brandon Rasmussen, wurde sofort, als es passierte, über den zweiten Absturz in New York informiert und begriff umgehend die Folgen daraus. Er erinnerte sich: „Ich denke, Jeder wusste, dass hier ein koordinierter Angriff stattfand. Wir hatten keine Ahnung, durch wenn er kam, aber es war eindeutig ein absichtlicher Angriff, wenn man zwei Flugzeuge hat die beide Türme treffen.“ Und dennoch sagte er: „Zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht, was wir hätten tun können; New York City ist ziemlich weit weg. Also…wie jeder Andere auch in Amerika warteten wir ab und schauten Nachrichten.“

Das ist außergewöhnlich! Ein US-Luftwaffenstützpunkt, nur 10 Meilen von Washington entfernt, erfährt, dass die Nation unter Angriff steht und die umgehende Antwort der Piloten darauf ist abzuwarten und Nachrichten zu schauen!

Rasmussen sagte, dass erst nachdem die Meldung über den Schlag auf das Pentagon kam „wir wussten, dass wir in der Nähe bleiben würden und viel zu tun hätten“ und „die Geschwaderführung die Arbeit aufgenommen hatte.“ [14] Der DCANG-Kommandeur David Wherley ging erst dann von seinem auf dem Stützpunkt befindlichen Büro zum Gebäude der Kampfgeschwader, um seiner Einheit bei der Reaktion auf die Anschläge zu helfen, nachdem eine Frau in seinem Büro gesehen hatte, wie das Pentagon getroffen wurde und zu schreien anfing. [15]

Aber selbst nach dem Angriff auf das Pentagon wurden die Piloten nicht umgehend aufgefordert sich auf einen Start vorzubereiten. Rasmussen erinnerte sich an diesen Zeitpunkt: „Ich wartete nur ab, wartete auf jemanden, der mir einen Auftrag gab.“ Er fügte hinzu: „Ich wartete bloß am Befehlstisch darauf, dass Jemand sagte „Okay, wir haben die Freigabe für den Start und Abflug.““ [16]

Der erste Kampfjet startet um 10:38 Uhr

Der erste DCANG-Jet der vom Andrews Air Force Luftwaffenstützpunkt startete, war eine F-16, die gerade von einer Trainingsmission aus North-Carolina zurückkam. Sie hatte nur noch wenig Treibstoff, hatte keine Raketen und nur Trainingsmunition dabei. Die Maschine startete 10:38 Uhr, eine Stunde nach den Angriffen auf das Pentagon. [17] Zwei weitere F-16 Maschinen starteten um 10:42 Uhr, doch diese waren auch nur mit Übungsmunition bewaffnet und hatten keine Raketen dabei. [18] Um 11:11 Uhr hoben Rasmussen und Daniel Caine mit ihren F-16 Maschinen ab, die ersten Kampfjets die von Andrews starteten und Raketen sowie Munition dabei hatten. [19] Zu diesem Zeitpunkt waren die Angriffe schon längst vorbei.

Rasmussen erklärte seine Entäuschung und die seiner DCANG-Piloten, dass sie abwarten mussten, bevor man es ihnen erlaubte loszufliegen. Er sagte, als seine Einheit schließlich die Freigabe für den Start erhielt: „Wir waren eigentlich erleichtert die Freigabe erhalten zu haben, hochzusteigen und was zu tun, anstatt sich einfach nur hilflos zu fühlen.“ [20]

DCANG stellt „geeignete und einsatzbereite Reaktionskräfte“

Obwohl die Nationale Luftwaffenverteidigung des District of Columbia (DCANG) nicht Teil des Nordamerikanischen Luft- und Weltraum-Verteidigungskommandos (NORAD) war, gehörte es zum Zeitpunkt der Anschläge von 9/11 zu ihren Aufgaben „im Falle einer Naturkatastrophe oder eines zivilen Katastrophenfalls geeignete und einsatzbereite Reaktionskräfte für den District of Columbia“ bereitzustellen. Oberstleutnant Phil Thompson, Sicherheitschef des DCANG, sagte: „Wir üben das Einkreisen, wissen wie man abfängt und Ähnliches.“ [21] Tatsächlich war die Einheit als „Wächter der Hauptstadt“ bekannt, was die Verantwortlichkeit für den Schutz Washington, DCs mit einschließt. [22]

Die Tatsache, dass die DCANG trotz der frühzeitigen Hilfsanforderungen des Secret Service so lange brauchte um eine Reaktion auf die Angriffe in die Wege zu leiten, sollte allen Amerikanern Sorgen machen. Die desaströs langsame Krisenreaktion muss eingehend untersucht werden als Teil einer gründlichen neuen Untersuchung der Anschläge von 9/11.

[1] “USSS Statements and Interview Reports.” 9/11 Commission, July 28, 2003; 9/11 Commission, The 9/11 Commission Report: Final Report of the National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States (Authorized Edition) . New York: W. W. Norton & Company, 2004, pp. 464-465; “Memorandum for the Record: Interview With Terry Van Steenbergen.” 9/11 Commission, March 30, 2004.

[2] “Memorandum for the Record: Visit to Reagan National Airport Control Tower in Alexandria, VA and Andrews Air Force Base Control Tower.” 9/11 Commission, July 28, 2003.

[3] Leslie Filson, Air War Over America: Sept. 11 Alters Face of Air Defense Mission. Tyndall Air Force Base, FL: 1st Air Force, 2003, p. 76.

[4] “Memorandum for the Record: Interview With Major John Daniel Caine, USAF, Supervisor of Flying at 121st Squadron, 113th Wing, Andrews Air Force Base on September 11, 2001.” 9/11 Commission, March 8, 2004.

[5] Steve Vogel, “Flights of Vigilance Over the Capital.” Washington Post, April 8, 2002.

[6] Lynn Spencer, Touching History: The Untold Story of the Drama That Unfolded in the Skies Over America on 9/11. New York: Free Press, 2008, p. 123.

[7] “Memorandum for the Record: Interview With Major John Daniel Caine.”

[8] Lynn Spencer, Touching History, p. 124.

[9] Leslie Filson, Air War Over America, p. 76.

[10] “Memorandum for the Record: Interview With Major John Daniel Caine.”

[11] Leslie Filson, Air War Over America, p. 78.

[12] William B. Scott, “F-16 Pilots Considered Ramming Flight 93.” Aviation Week & Space Technology, September 9, 2002.

[13] “Memorandum for the Record: BG David Wherley, on September 11, 2001, Commander of the 113th Wing of the USAF Air National Guard, Andrews AFB.” 9/11 Commission, August 28, 2003; Lynn Spencer, Touching History, pp. 184-185.

[14] Brandon Rasmussen, interviewed by Leslie Filson, September 18, 2003.

[15] Steve Vogel, “Flights of Vigilance Over the Capital”; Steve Vogel, The Pentagon: A History. New York: Random House, 2007, pp. 445-446; Lynn Spencer, Touching History, p. 184.

[16] Brandon Rasmussen, interviewed by Leslie Filson.

[17] Steve Vogel, “Flights of Vigilance Over the Capital”; William B. Scott, “F-16 Pilots Considered Ramming Flight 93″; “UA93 and Andrews Timeline.” 9/11 Commission, n.d.

[18] William B. Scott, “F-16 Pilots Considered Ramming Flight 93″; Leslie Filson, Air War Over America, p. 82; Brandon Rasmussen, interviewed by Leslie Filson.

[19] Leslie Filson, Air War Over America, p. 84; “Relevant Andrews Transmissions.” 9/11 Commission, February 17-18, 2004.

[20] Brandon Rasmussen, interviewed by Leslie Filson.

[21] “Andrews Air Force Base: Partner Units.” DCMilitary.com, Summer 2001; William B. Scott, “F-16 Pilots Considered Ramming Flight 93″; Leslie Filson, Air War Over America, p. 76.

[22] Lynn Spencer, Touching History, p. 122.

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