Heiß begehrt: Goldproduzierende Länder halten Gold zurück

Russland, China, Kasachstan und Venezuela halten ihre jährliche Goldproduktion – rund 20% aller weltweit geförderten Goldbestände – vom freien Markt fern und bringen sie lieber in die eigenen staatlichen Geldspeicher. Viele weitere goldproduzierende Länder dürften folgen, auch die USA und Kanada

Julian Phillips, Gold Forecaster, 05.09.2011

Die venezolanischen Goldminenfirmen waren bis vor kurzem noch gezwungen, 50% ihrer Goldproduktion an die venezolanische Regierung zu verkaufen, damit diese ihre Goldreserven aufstocken konnte. Im August wurde dieser Prozentsatz im Rahmen der Verstaatlichung der Branche auf 100% angehoben.

Venezuela ist aufgrund dieser Maßnahmen nun natürlich dem Risiko ausgesetzt, dass seine im Ausland gehaltenen Vermögenswerte konfisziert werden, worunter auch seine Goldbestände fallen. Um die Goldreserven vor einer Beschlagnahmung zu schützen, hat Chávez angeordnet, dass das gesamte in ausländischen Tresoren lagernde venezolanische Gold ins Land gebracht wird. Es geht hier um die riesige Menge von insgesamt 365 Tonnen Gold.

Und während auf den ersten Blick der Anschein erweckt wird, als handele es sich bei dieser Entscheidung um politischen Opportunismus, war es im Grunde genommen ein exzellente Investmententscheidung. In Venezuelas Boden befinden sich noch rund 1.000 Tonnen an Goldreserven, die im Laufe der Zeit zu den venezolanischen Goldreserven hinzukommen werden. Wenn die bekannten Goldreserven abgebaut worden sind, wird Venezuela über größere Goldreserven verfügen als die Schweiz.

Andere Länder folgen dem Beispiel

Venezuela ist ein kleines Land. 95% seiner Exporte sind Öl. Venezuela kann sein Öl an alle möglichen Länder verkaufen, zum Beispiel an China, und braucht sich dabei nicht um die Konsequenzen des Westens zu scheren. Zur selben Zeit verlässt Venezuela den Euro, das britische Pfund und den US-Dollar, um in Vermögenswerte der BRIC-Länder zu gehen.

Mithilfe dieser neuen Strategie koppelt sich das Land von einem schwachen und weiter verfallenden Wirtschaftswachstum sowie den in der Schuldenfalle steckenden Industrieländern ab und investiert stattdessen in Wachstum und Gold. Dadurch wird das Portfolio des Landes – das auf die fortwährend sprudelnden Öleinnahmen angewiesen ist – in Richtung wachsender Vermögenswerte umgeschichtet.

Kleine Länder, die mitverfolgen, wie intelligent Venezuela hier mit seinen Reserven umgeht, könnten durchaus versucht sein, dem Beispiel zu folgen. Und wir berichteten in der Vergangenheit auch über andere Länder:

Sieht man sich die Mengen an, um die es in den jeweiligen Ländern geht, dürfte dies einzeln betrachtet kaum Auswirkungen auf den Goldpreis haben. Zusammengenommen ergibt sich jedoch ein völlig anderes Bild. Gegenwärtig sprechen wir alleine bei den oben aufgeführten 4 Ländern von einer Jahresproduktion von über 550 Tonnen Gold. Im Verhältnis zur weltweiten Goldproduktion, die bei rund 3.000 Tonnen pro Jahr liegt, beläuft sich diese Menge auf 18% des jährlich weltweit geförderten Goldes.

Und, kommen da noch mehr? Wer weiß. Was sich Sicherheit sagen lässt, ist, dass dieses Vorgehen für alle anderen goldproduzierenden Nationen in der Tat sehr verführerisch sein muss, wenn man bedenkt, dass ihre Reserven gegenwärtig eine viel zu starke Abhängigkeit zum US-Dollar, einer sich im Niedergang befindenden Währung, aufweisen.

Was kommt als nächstes?

Einige mögen vielleicht der Meinung sein, dass die Maßnahmen der kleineren Länder mit ihrer politischen Unbeliebtheit in Einklang stehen. Einige sind vielleicht der Auffassung, dass die größeren Länder diese Strategie allein deshalb verfolgen, um ihre Reserven zu diversifizieren.

Rational betrachtet, ist es den goldproduzierenden Ländern mithilfe derartiger Maßnahmen möglich, zu Marktpreisen eine Goldversorgung zur Aufstockung der Goldreserven zu gewährleisten, ohne dass der Goldpreis auf jeden einzelnen Kauf reagiert. Am Ende wird dadurch schlicht das Nettovolumen der jährlich am Markt verfügbaren Goldproduktion reduziert.

Auch sollte Berücksichtigung finden, dass die von uns aufgeführten 4 goldproduzierenden Länder jährliche Produktionssteigerungen vorweisen können, wohingegen die Förderung vieler anderer goldproduzierender Länder rückläufig ist. Dies muss also ganz zwangsläufig dazu führen, dass der prozentuale Anteil des jährlich geförderten Goldes, der direkt in staatliche Goldbestände übergeht, zusehends steigt, während die Menge verfügbaren Goldes, mit der eine steigende Nachfrage am freien Markt befriedigt werden muss, weiter zurückgeht.

Stellen Sie sich vor, was passiert, wenn Australien oder Südafrika dem Beispiel folgen. Mit einem immer weiter steigenden Goldpreis und einem gleichzeitig fallenden US-Dollar macht es finanziell absolut Sinn, das vor Ort produzierte Gold zu behalten. Stellen Sie sich vor, Großbritannien hätte sein Gold nicht zu dem niedrigsten Preis der vergangenen 35 Jahre – USD 275 pro Unze – verkauft, sondern bis heute gehalten. Die Versechsfachung des Goldpreises wäre angesichts der jetzigen wirtschaftlich düsteren Zeiten eine willkommene Entwicklung gewesen.

Für die goldproduzierenden Länder wird es zunehmend schwerer, Gründe zu finden, warum das vor Ort produzierte Gold nicht im Land verbleiben sollte. Noch schwerer ist es zu erklären, warum das Gold dann ausgerechnet für US-Dollars weiterverkauft werden soll.

Verführerische Aktivitäten, die zur Nachahmung anregen

Werden weitere goldproduzierende Länder folgen? Wir glauben ja, obwohl wir zurückhaltend dabei sind, ein konkretes Datum oder konkrete Länder zu benennen. Die Zentralbanker sind den Vorteilen von Papiergeld in der Regel stärker zugeneigt als die Politiker, und Gold kommt mit monetären Eigenschaften daher, die dem Papiergeld direkt entgegenstehen. Dennoch sind wir uns sicher, dass, sollten die Zentralbanker zur der Meinung gelangen, dass ihr Land auf die Hartwährungen angewiesen ist, die Verführung viel zu stark sein dürfte, als dass sie ihr nicht erliegen würden.

Ja selbst die USA und Kanada dürften folgen, sollten ihre Währungen in der Weltwirtschaft an Bedeutung verlieren. Wann? Der entscheidende Punkt dürfte sicherlich dann erreicht sein, wenn der chinesische Yuan als Weltreservewährung die Weltbühne betritt oder die Ölproduzenten praktisch jede Währung zur Bezahlung ihres Öls akzeptieren. Genauso gut könnte dieser Punkt auch dann erreicht sein, wenn die Geldschaffung so stark ausgeufert ist, dass dies von den Ländern mit Handelsüberschüssen nicht mehr akzeptiert wird. Wir befinden uns näher an dieser Trendwende, als Sie glauben.

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