Derivatebombe: Bringt die Griechenland-Pleite die US-Banken zum Einsturz?

Dass die griechische CDS-Bombe zündet ist eher unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass über die Definition, was eine die Kreditausfallversicherungen aktivierende „Staatspleite“ überhaupt ist, eine angloamerikanische Finanzkabale entscheidet – also genau jene Finanzkreise, die diese Papiere so erfolgreich an den Rest der Welt verkauft haben

David Chapman, MGI Securities, 02.02.2012

Könnte Griechenland das US-amerikanische Bankensystem in Schutt und Asche legen? Nun ja, das hängt einzig davon ab, was die ISDA unter einer griechischen Staatspleite versteht.

Wer ist die ISDA? Die ISDA ist die International Swaps und Derivatives Association (ISDA). Und was ist die ISDA? Die ISDA ist eine Handelsorganisation, die sich aus Marktteilnehmern zusammensetzt, die mit außerbörslich gehandelten Finanzderivaten Geschäfte machen. Der Sitz der ISDA ist in New York.

Im Derivatemarkt gibt es einen standardisierten Vertrag der unter dem Namen „Rahmenvertrag“ bekannt ist. Die ISDA hat mehr als 800 Mitglieder aus 57 Ländern. Sie wurde im Jahre 1985 gegründet, nahm aber erst in den 90er Jahren so richtig Form an. Während es zu jener Zeit hauptsächlich um außerbörslich gehandelte Zinsderivate ging, sind in der Zwischenzeit viele andere Derivateprodukte wie Kreditausfallversicherungen (CDSs) hinzugekommen.

Die ISDA ist eine Organisation, die in der Vergangenheit höchst erfolgreich alle Versuche, den riesigen Derivatemarkt regulatorischen Beschränkungen zu unterwerfen, abwehren konnte. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) geht davon aus, dass sich der nominelle Betrag ausstehender Derivate zum 30.06.2011 auf USD 707 Billionen belief, was einem Marktwert von USD 19 Billionen entspricht.

Und was hat die ISDA nun mit Griechenland zu tun? Zurzeit finden Verhandlungen statt, die darauf hinauslaufen, dass die Halter griechischer Staatsschulden nur noch 30% des nominellen Werts ihrer Schulden zurückgezahlt bekämen, also 70% abschreiben müssten. Es wird davon ausgegangen, dass Griechenland den Privatbanken rund USD 260 Milliarden schuldet.

Anscheinend haben die Halter griechischer Schulden bereits einem Schuldenschnitt in Höhe von 50% zugestimmt, bezüglich eines 70%igen Haircuts gibt es aktuell aber noch keine Vereinbarungen. Zu der nominellen Abwertung der bereits ausgegebenen griechischen Staatsschulden käme überdies hinzu, dass die neuen Anleihen niedriger verzinst würden. Im Ergebnis müssen die Privatbanken aller Vorausschau nach erhebliche Verluste verkraften.

Die griechischen Schulden wurden mit Kreditausfallversicherungen (CDSs) besichert. Die ISDA hat bereits festgelegt, dass die CDSs nicht wirksam werden und Käufer dieser CDS-Derivate keine Gelder ausgezahlt bekommen, solange die Reduzierung der Schulden freiwillig erfolgt – doch beruhte diese Entscheidung auf der Annahme, dass sich der Schuldenerlass auf 50% beläuft. Es stellt sich daher die Frage, wie die ISDA bei einem 70%igen Schuldenschnitt entscheiden würde.

Der Goldanalyst Jim Sinclair erklärte am 31.01.2012 gegenüber dem Ellis Martin Report, dass die Entscheidung darüber, was ein Staatsbankrott ist oder nicht, ausschließlich bei der ISDA liegt.

Die weltweit nominell ausstehende Menge an CDS-Derivaten beläuft sich gegenwärtig auf rund USD 32,5 Billionen. Die Hälfte dieser Papiere wird von US-Banken gehalten. Von diesen 50% aller weltweit ausstehenden Kreditausfallversicherungen werden rund 97% von fünf US-amerikanischen Großbanken gehalten: JP Morgan Chase (JPM, NYSE), Bank of America (BAC, NYSE), Citibank (C, NYSE), Goldman Sachs (GS, NYSE) und HSBC Bank (LSC, AMEX). Diese fünf Banken sind auch die wichtigsten Mitglieder der ISDA.

Im Grunde ist es so, dass die größten CDS-Emittenten und somit auch die größten Emittenten griechischer Kreditausfallversicherungen genau jene sind, die auch bei der Entscheidungsfindung der ISDA – wo es darum geht, ob ein 70%iger Schuldenschnitt für Griechenland nun eine freiwillige Schuldenreduzierung oder ein Staatsbankrott wäre – den größten Einfluss haben.

Und all die Finanzinstitutionen, die ihre Schulden mithilfe von CDS-Derivaten abgesichert haben, sind nun natürlich besorgt und erbost darüber, dass sie zwar 70% Verluste einfahren könnten, aber ihre Versicherungen nicht schlagend werden.

Und auch Sinclair hegt richtigerweise Bedenken, da, sollte sich herausstellen, dass die Käufer der griechischen CDS-Derivate am Ende garnicht in der Lage sind, ihren Versicherungsschutz in Anspruch zu nehmen, dies den gesamten billionenschweren CDS-Markt in Frage stellen könnte – also alle Kreditausfallversicherungen, von denen ja ein bedeutender Teil seitens der fünf vorgenannten US-amerikanischen Großbanken ausgegeben wurde.

Das Problem besteht ganz einfach darin, dass die potenziellen Verluste bei griechischen Schulden sowie die zahlreichen hier noch hinzukommenden Verluste, sollten die CDS-Derivate tatsächlich schlagend werden, mehr als ausreichend sein dürften, um das Kapital der US-amerikanischen Großbanken auszulöschen.

Die Aussicht darauf, dass das US-Bankensystem aufgrund der Kreditausfallversicherungen kollabiert, ist zumindest real genug, um allen Beteiligten den Nerv zu rauben. Daher ist auch Sinclairs Anmerkung verständlich, dass dieses Problem in den Medien garnicht entsprechend gewürdigt wird.

Aber natürlich ist es nicht an allen unbemerkt vorbeigegangen. Laut Sinclair würden die aktuellen Ereignisse rund um den CDS-Markt auch die jüngsten Verlautbarungen von Ben Bernanke, dem Chef der US-Notenbank Federal Reserve, erklären, der zusagte, dass die Fed die Zinssätze im Grunde bis 2014 auf den jetzigen Niveaus halten wird, während es ganz danach aussieht, als sei gerade eine weitere Runde quantitativer Lockerung (QE) in Vorbereitung.

QE ist natürlich schlecht für den US-Dollar, aber für Gold und Goldminenaktien ist es genauso vorteilhaft wie für den allgemeinen Aktienmarkt. Das dürfte auch erklären, warum der weit gefasste US-amerikanische Aktienindex S&P 500 im Januar um 4,4% und der Goldpreis um 11% nach oben kletterten. US-Dollarindex fiel unterdessen um 1,4% und liegt somit bereits wieder 3,2% unter seinem jüngsten Hoch.

Und was bedeutet das nun alles für die Bankenaktien? Der PHLX-KBW-Bankenindex stieg im Januar um 8,1%, aber der TSX-Financials-Index gerade einmal um 2,4%. Es ist durchaus vorstellbar, dass die Bankaktien von den Andeutungen im Hinblick auf die Durchführung weiterer quantitativer Lockerungsmaßnahmen sowie den Anstiegen des allgemeinen Aktienmarkts profitierten.

Goldman Sachs wird vom KBW-Index nicht erfasst – die Aktie der Bank schnellte im Januar um 23% in die Höhe. Vergangene Woche waren aber bereits wieder alle Titel im Minus, und alle Titel, auch die Aktie von Goldman Sachs, stießen gegen ihren 40-Wochenschnitt, ein Bereich, der sich in der Vergangenheit oftmals als bedeutende Widerstandsmarke herausstellte.

Sollten die Bankindizes nicht in der Lage sein, ihren 40-Wochenschnitt nach oben hin zu durchbrechen und im Rahmen dieser Aufwärtsbewegung neue Hochs zu erzielen, obwohl der allgemeine Aktienmarkt weiter steigt, könnte das ein Signal sein, sich von Bankaktien fernzuhalten. Die Charts weisen zumindest eine gewisse Abwärtsdynamik auf, was nahelegt, dass die Kursbewegung eher nach unten als nach oben gehen dürfte.

Angesichts der Unsicherheiten rund um die griechischen Schulden sowie der möglichen Auswirkungen auf die Banken dürfte es ratsam sein, sich bessere Investitionsmöglichkeiten als Bankaktien zu suchen … Die Entscheidung darüber, was eine griechische Staatspleite ist und was nicht, liegt einzig bei der ISDA – und zurzeit deutet einiges darauf hin, dass selbst ein 70%iger Haircut nicht unbedingt eine Zahlungsunfähigkeit bedeuten muss.

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