Infantilisierung & Volksverblödung: Was Sie über das westliche Schulsystem wissen sollten

Bei der „Schulpflicht“ verstehen die westlichen Regierungen keinen Spaß: Das westliche Bildungssystem von den Grundschulen bis hin zu den Universitäten ist eine Erfindung der Preußen, die sich dafür jahrhundertealter Gehirnwäschetechniken bedienten, um die Bevölkerung systematisch zu verdummen, gefügig zu machen und zu verhindern, dass die Menschen je erwachsen würden. Ein geniales System, das sich in der gesamten westlichen Welt seit über 150 Jahren bewährt hat und jedes Jahr zig Millionen von Menschen ihrer Entwicklungsmöglichkeiten beraubt

John Taylor Gatto, September 2003 – Gegen die Schule

30 Jahre lang war ich in Manhattans schlimmsten und in einigen seiner besten Schulen als Lehrer tätig, und im Verlauf dieser Zeit wurde ich zum Experten für Langeweile. Langeweile fand sich überall, und wenn man die Kinder gefragt hat, so wie ich es oftmals tat, warum sie sich denn so langweilen würden, gaben sie mir immer dieselben Antworten: Sie sagten, die Arbeiten seien einfach nur dumm, würden keinen Sinn machen, und sie wüssten das alles bereits. Sie sagten, sie wollten etwas Echtes machen und nicht einfach nur dumm herumsitzen. Sie sagten, die Lehrer scheinen ja selbst nicht besonders viel über die Themen zu wissen, die sie lehren, und auch nicht besonders interessiert daran zu sein, noch mehr darüber zu erfahren. Und die Kinder hatten Recht: Ihre Lehrer waren mindestens genauso gelangweilt wie sie selbst.

Langeweile ist ein unter Lehrern weit verbreitetes Leiden, und jeder, der im Lehrerzimmer schon einmal eine gewisse Zeit verbracht hat, kann bezeugen, dass dort Lustlosigkeit, Gewinsel und entmutigte Auffassungen vorherrschen. Wenn man die Lehrer fragt, warum sie sich denn nun langweilen würden, neigen sie dazu – so wie man es erwarten würde – den Kindern die Schuld daran zu geben. Wer würde sich denn nicht langweilen, Schüler zu unterrichten, die sich rüpelhaft verhalten und einzig an guten Noten interessiert sind! Ja wenn überhaupt. Und natürlich sind die Lehrer genau dieselben Produkte derselben zwölfjährigen staatlichen Zwangsschulprogramme, die auch ihre Schüler so durch und durch langweilen, und als Schulpersonal sind sie in den internen Strukturen sogar noch stärker gefangen als die Schülern, denen diese Strukturen auferlegt werden. Also, wem ist nun die Schuld zu geben?

Nun ja, uns allen. Mein Großvater hat mir das beigebracht. Eines Nachmittags, als ich sieben Jahre alt war, beschwerte ich mich bei ihm, dass mir langweilig sei, und er gab mir eine harte Kopfnuss. Er erklärte mir, dass ich den Begriff in seinem Beisein nie wieder verwenden dürfe, da, wenn mir langweilig ist, dies alleine meine Schuld ist und nie die von jemand anderem. Die Aufgabe, mich zu amüsieren und mich zu unterrichten, läge alleine bei mir, und Menschen, die das nicht wüssten, seien kindische Leute, die, so gut es geht, gemieden werden sollten. Mit Sicherheit ist ihnen nicht zu trauen. Diese Geschichte heilte mich auf immer von der Langeweile, und hier und da war ich in der Lage, diese Lektion an den ein oder anderen bemerkenswerten Schüler weiterzugeben. Die meiste Zeit über stellte es sich für mich aber als zwecklos heraus, die offizielle Auffassung zu bekämpfen, dass Langeweile und kindisches Verhalten natürliche Zustände des Klassenzimmers seien. Oft setzte ich mich über diese Gewohnheiten hinweg, und ich musste dafür das Gesetz sogar bis zum Äußersten ausreizen, um den Kindern dabei zu helfen, aus dieser Falle zu entfliehen.

Das Imperium schlug natürlich zurück; kindische Erwachsene bringen Widerstand oftmals mit Illoyalität in Zusammenhang. Eines Tages kehrte ich von einer ärztlichen Behandlung zurück und stellte fest, dass alle Beweise, dass man mir diesen Arztbesuch genehmigt hatte, absichtsvoll vernichtet wurden, ich meinen Job verloren hatte und auch keine Lehrerlizenz mehr besaß. Nach neun Monaten unablässiger Anstrengungen war ich dann in der Lage, die Lehrerlizenz wiederzuerhalten, da sich eine Schulsekretärin bereit erklärte, als Zeugin auszusagen und über die Machenschaften zu berichten. Während dieser Zeit hatte meine Familie so stark leiden, dass ich mich nur ungern daran zurückerinnere. Bis ich 1991 endgültig in den Ruhestand ging, hatte ich Grund genug, unsere Schulen – mit ihren erzwungenen zellblockähnlichen Langzeit-Einsperrungen, der erzwungenen Gefangenschaft von Schülern wie auch Lehrern – buchstäblich als Fabriken des Kindischseins zu erachten. Aber ich war, ehrlich gesagt, nicht in der Lage, zu begreifen, warum das nun so sein musste. Meine eigene Erfahrung hatte mich ja gelehrt, was viele Lehrer ebenfalls im Verlauf ihrer Arbeit ganz beiläufig lernen müssen, aus Angst vor Repressionen aber für sich behalten: Wenn wir nur wollten, wäre es eine leichte wie auch kostengünstige Übung, die alten sinnlosen Strukturen an den Nagel zu hängen und den Kindern dabei zu helfen, eine Bildung zu erfahren, anstatt dass sie lediglich in die Schule gehen müssen. Wir könnten die besten Qualitäten der Jugend herauslocken und ermutigen – Neugier, Abenteuerlust, Belastbarkeit, die Fähigkeit zu überraschenden Einsichten – ganz einfach, indem wir bezüglich des Zeitmanagements, der Texte und der Tests flexibler wären und den Kindern nahebringen würden, wirklich kompetente Erwachsene zu werden, und indem wir jedem Schüler die Autonomie geben würden, die er benötigt, um dann und wann auch einmal ein wenig Risiko einzugehen.

Aber wir tun das nicht. Und umso mehr ich mich fragte, warum wir das nicht tun, und über das „Problem“ der Schulbildung als planerischer Kraft nachdachte, desto mehr übersah ich den entscheidenden Punkt: Was wäre, wenn es gar kein „Problem“ mit unseren Schulen gäbe? Was wäre, wenn die Schulen nicht deshalb derart kostspielig den gesunden Menschenverstand und die alten Erfahrungswerte, wie Kinder Dinge lernen, mit Füßen treten, weil etwas falsch läuft, sondern vielmehr, weil es genauso zu Laufen hat? Ist es möglich, dass George W. Bush vielleicht unabsichtlich die Wahrheit herausließ, als er erklärte, man wolle „kein Kind zurücklassen“? Könnte es sein, dass unsere Schulen so konzipiert sind, dass sichergestellt wird, dass keines dieser Kinder jemals wirklich erwachsen wird?

Brauchen wir die Schule eigentlich wirklich? Ich spreche hier nicht von Bildung, sondern der Zwangsschule: Sechs Unterrichtsstunden am Tag, fünf Tage die Woche, neun Monate im Jahr und das zwölf Jahre lang. Ist diese todlangweilige Routine überhaupt nötig? Und wenn ja, warum? Lesen, Schreiben und Rechnen kann hierfür nicht als Begründung herangezogen werden, da 2 Millionen glückliche amerikanische Hausschüler diese banale Begründung bereits beerdigt haben. Und selbst wenn sie es nicht getan hätten – eine beträchtliche Zahl berühmter Amerikaner hat die Zwölf-Jahres-Mühle, die unsere Kinder zurzeit durchlaufen, nie mitgemacht und sich trotzdem prächtig entwickelt. Was ist mit George Washington, Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln? Irgendjemand wird sie schon gelehrt haben, so viel ist sicher, aber sie waren keine Produkte eines Schulsystems und keiner von ihnen konnte auf einen Sekundarschulabschluss verweisen. Während des überwiegenden Teils der amerikanischen Geschichte sind die Kinder in der Regel nicht auf die Sekundarschule gegangen, und dennoch wuchsen diese nicht geschulten jungen Menschen zu Admirälen heran wie Farragut; zu Erfindern wie Edison, zu Wirtschafts-Kapitänen wie Carnegie und Rockefeller; zu Schriftstellern wie Melville, Twain und Conrad; ja sogar zu Gelehrten wie Margaret Mead. Fakt ist, dass die Menschen bis vor kurzem mit dem Erreichen des 13. Lebensjahres überhaupt nicht mehr als Kinder galten. Ariel Durand, die Mitautorin eines enormen, herausragenden mehrteiligen Bandes der Weltgeschichte, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Will Durant schrieb, war im Alter von 15 Jahren glücklich verheiratet – und wer könnte jetzt ernsthaft behaupten, dass es sich bei ihr um eine ungebildete Person gehandelt hätte? Ja vielleicht ungeschult, aber nicht ungebildet.

Uns wurde gelehrt (also wir wurden geschult), das Wort „Erfolg“ mit „Schulbildung“ gleichzusetzen oder ersteres zumindest von letzterem abhängig zu machen, historisch gesehen, hat das aber weder im intellektuellen noch im finanziellen Sinne mit der Wahrheit zu tun. Selbst heute finden immer noch Unmengen an Menschen auf der ganzen Welt Möglichkeiten, sich selbst zu bilden, ohne sich dabei auf ein System von Zwangsschulen zurückziehen zu müssen, die nur allzu oft an Gefängnisse erinnern. Aber warum bringen die Amerikaner die Bildung dann mit einem derartigen System durcheinander? Was ist der Zweck unserer öffentlichen Schulen?

Die Massenschulen mit verpflichtendem Charakter haben in den Vereinigten Staaten erst zwischen 1905 und 1915 richtig Fuß gefasst, obschon man das Konzept bereits wesentlich früher aufgegriffen und während des überwiegenden Teils des 19. Jahrhunderts vorangetrieben hatte. Der Grund für diesen enormen Umbruch des Familienlebens wie auch der kulturellen Traditionen war, einfach gesagt, ein dreifacher:

1. Um gute Menschen zu schaffen.
2. Um gute Bürger zu schaffen.
3. Um aus jeder Person das Beste herauszuholen.

 Auch heute noch werden diese Gründe regelmäßig herangezogen, und die meisten von uns akzeptieren diese Gründe in der einen oder anderen Form als angemessene Erklärung für die Aufgabe öffentlicher Schulen, ganz egal, wie stark die Schulen beim Erreichen dieser Ziele auch versagen mögen. Doch damit liegen wir völlig daneben. Und unsere Fehleinschätzung wird dadurch noch unverzeihlicher, dass die landesweite Literatur eine Vielzahl überraschend einhelliger Stellungnahmen bezüglich des wirklichen Zwecks der Zwangsschulen liefert. Da haben wir beispielsweise den berühmten H. L. Mencken, der im „The American Mercury“ im Jahre 1924 erklärte, dass Ziel öffentlicher Schulen sei nicht:

„die Jugend mit Wissen zu bereichern und ihre Neugierde zu wecken … Weit davon entfernt. Das Ziel ist es … schlicht so viele Individuen als möglich auf dasselbe sichere Niveau zu reduzieren, zu züchten und zu trainieren, eine standardisierte Bürgerschaft zu sein, und Dissens und die Originalität beiseite zu wischen. Das ist das Ziel in den Vereinigten Staaten … und überall in der Welt.“

Da Mencken als Satiriker bekannt ist, könnten wir versucht sein, diesen Absatz als aufgebauschten Sarkasmus zu verwerfen. Sein Artikel folgt aber den Spuren der Blaupause unsere Bildungssystems bis zu dem heute bereits erloschenen, wenngleich unvergessenen Militärstaat Preußen. Und obwohl sich Mencken mit Sicherheit über die Ironie im Klaren war, dass wir erst kurze Zeit zuvor mit Deutschland – dem Erbe preußischen Gedankenguts und preußischer Kultur – im Krieg standen, waren seine Ausführungen im Artikel völlig ernst gemeint. Unser Bildungssystem ist in Wahrheit preußischen Ursprungs, und das ist wirklich Grund zur Sorge.

Es ist schon komisch, dass der preußische Ursprung unserer Schulen ein ums andere Mal auftaucht, wenn man nur seinen Blick darauf richtet. William James bezog sich Ende des 19. Jahrhunderts viele Male auf diese Tatsache. Orestes Brownson, der Held von Christopher Lasch´s Buch aus dem Jahre 1991 mit dem Titel „The True and Only Heaven“, verurteilte in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts öffentlich die „Preußisierung“ der amerikanischen Schulen. Horace Mann´s „Siebter Jahresbericht“ an den Bildungsausschuss des US-Bundestaats Massachusetts im Jahre 1843 ist im Grunde ein einziger Lobgesang auf das Land Friedrich des Großen und eine Aufforderung, dass preußische Schulsystem nach Amerika zu holen. Dass die preußische Kultur in Amerika solch einen Auftrieb erfuhr, kann kaum überraschen, wenn man sich unserer frühen Beziehungen mit diesem utopischen Staat im Klaren ist. Es war eine Preuße, der im Unabhängigkeitskrieg an der Seite von Washington diente, und bis 1795 waren so viele deutschsprachige Menschen in die USA emigriert, dass der Kongress darüber nachdachte, eine deutschsprachige Version der Bundesgesetze zu veröffentlichen. Das Schockierende ist jedoch, dass wir so bereitwillig einen der schlimmsten Aspekte preußischer Kultur übernommen haben: Ein Bildungssystem, das absichtsvoll ins Leben gerufen wurde, um mittelmäßige und unbedeutende Intellekte zu schaffen, die innere Entwicklung zu hemmen, den Schülern relevante Führungsqualitäten vorzuenthalten und abzusprechen und sicherzustellen, dass sie fügsame und unvollständige Bürger werden – alles, um die Bevölkerung „verwaltbar“ zu machen.

Es James Bryant Conant – der 20 Jahre Präsident von Harvard war, der Giftgasexperte im Ersten Weltkrieg, der Verantwortliche für das Atombombenprojekt im Zweiten Weltkrieg, der Hochkommissar der amerikanischen Zone in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und einer der einflussreichsten Figuren des 20. Jahrhunderts – durch den ich überhaupt erst Wind davon bekam, was der wirkliche Zweck des amerikanischen Bildungssystems ist. Ohne Conant hätten wir wahrscheinlich nicht dieselbe Art und das Ausmaß standardisierter Tests, wie wir sie heute genießen, und wären wohl auch nicht mit den riesigen Sekundarschulen gesegnet, in denen zwischen 2.000 und 4.000 Schüler gleichzeitig geparkt werden, wie der berühmten Columbine High in Littleton im US-Bundesstaat Colorado. Kurz nachdem ich mich von meiner Lehrertätigkeit zurückzogen hatte, fiel mir Conant´s Buch aus dem Jahre 1959 mit dem langen Essay „Das Kind, die Eltern und der Staat“ in die Hände, und ich war ziemlich fasziniert, wie er beiläufig erwähnte, dass die modernen Schulen, an denen wir teilgenommen hatten, das Resultat einer „Revolution“ gewesen seien, die während der Jahre 1905 bis 1930 ausgearbeitet wurde. Eine Revolution? Conant weigerte sich, weitere Ausführungen dazu zu machen, verwies die Neugierigen und die Uninformierten jedoch auf das 1918 von Alexander Inglis verfasste Buch mit dem Titel „Die Prinzipien der Sekundarstufen-Bildung“, wo man „diese Revolution durch die Augen eines Revolutionärs“ betrachten könne.

Inglis, nachdem ein Kolleg in Harvard benannt wurde, stellt unzweideutig klar, dass die Zwangsschulen in Nordamerika genau denselben Zweck verfolgten, wie es in Preußen in den 20 Jahren des 19. Jahrhunderts der Fall gewesen: Eine fünfte Kolonne für die aufkommende demokratische Bewegung, die drohte, den Bauern und Proletariern am Verhandlungstisch eine Stimme zu geben. Der Zweck der modernen, industrialisierten Zwangsschulen war es, eine Art chirurgischen Eingriff an der sich abzeichnenden Einheit dieser Unterschichten vorzunehmen. Die Kinder müssten aufgespalten werden – thematisch, nach ihrem Alter, durch fortwährende Benotungen mithilfe von Tests und zahlreiche weitere eher subtilere Maßnahmen – und es sei unwahrscheinlich, dass die ignorante Masse der Menschheit, die in ihrer Kindheit separiert wird, sich jemals in ein gefährliches Ganzes verwandeln könnte.

Inglis unterteilt den Zweck – also den wirklichen Zweck – der modernen Schulen in sechs Grundfunktionen, von denen jede einzelne ausreicht, all jenen die Haare zu Berge stehen zu lassen, die unschuldig genug sind, um an die drei eingangs genannten Bildungsziele zu glauben:

1. Die Anpassung- oder Adaptionsfunktion: Schulen sind dafür da, feste Verhaltensweisen und Reaktionen gegenüber Behörden zu schaffen. Das setzt natürlich voraus, dass kritisches Urteilen vollständig ausgeblendet wird. Überdies zerstört es weitestgehend die Idee, dass nützliche oder interessante Dinge gelehrt werden sollten, da man die reflexhafte Obrigkeitshörigkeit nur dann überprüfen kann, wenn man dafür Sorge trägt, dass die Kinder irrsinnige und langweilige Dinge lernen und tun.

2. Die Integrationsfunktion: Man könnte sie auch genauso gut die „Konformitäts-Funktion“ nennen, da sie darauf abzielt, die Kinder einander so ähnlich als möglich zu machen. Konforme Menschen sind voraussagbar, was für all jene von außerordentlichem Nutzen ist, die sich großer Mengen an Arbeitern bedienen und diese manipulieren wollen.

3. Die diagnostische und steuerende Funktion: Die Schule ist dazu gedacht, die angemessene soziale Rolle jedes einzelnen Schülers zu ermitteln. Dies wird dadurch erreicht, indem man mathematische wie auch anekdotenhafte Hinweise dauerhaft dokumentarisch festhält – wie in Ihrer Schülerakte. Ja, Sie haben eine.

4. Die Differenzierungs-Funktion: Hat man die soziale Rolle der Kinder erst einmal „diagnostiziert“, müssen sie für ihre Rolle selektiert und trainiert werden, was aber nur bis zu ihrem Endziel in der gesellschaftlichen Maschinerie reichen darf – keinen Schritt weiter. So viel zum Thema, das Beste aus den Kindern herausholen.

5. Die selektive Funktion: Diese Funktion hat nichts mit menschlicher Entscheidungsfähigkeit zu tun, sondern basiert ausschließlich auf Darwin´s Theorie der natürlichen Auslese, die bei dem Anwendung findet, was er „bevorzugte Rassen“ nannte. Kurz gesagt, besteht die Idee darin, dem Ganzen auf die Sprünge zu helfen, indem man bewusst versucht, die Zucht zu steuern. Schulen sind dafür gedacht, die Nichtanpassungsfähigen entsprechend zu brandmarken – mithilfe schlechter Benotung, der Abschiebung in Förderschulen und anderen Strafmaßnahmen – und zwar deutlich genug, dass die Gleichaltrigen sie als minderwertig ansehen und effektiv aus dem Fortpflanzungslotto ausschließen. Das ist es, worauf all die kleinen Erniedrigungen von der ersten Klasse an abzielen: Man will den Dreck auswaschen.

6. Die propädeutische oder vorbereitende Funktion: Das gesellschaftliche System, dem diese Regeln auferlegt werden, bedarf einer elitistischen Gruppe von Verwaltern. Um diesem Ziel gerecht zu werden, wird einer kleinen Gruppe von Kindern in aller Stille gelehrt, wie dieses Langfrist-Projekt verwaltet wird, wie man eine Bevölkerung überwacht und kontrolliert, die absichtsvoll verdummt und domestiziert wurde, damit sie die Regierung nicht hinterfragt und die Firmen gefügige Arbeiter erhalten.

Bedauerlicherweise ist das der Zweck des Zwangsschulsystems in den USA. Und falls sie Inglis als isolierten Spinner mit einer eher zynischen Auffassung von Bildungseinrichtungen erachten, dann sei Ihnen gesagt, dass er mit diesen Ideen bei Weitem nicht alleine dastand. Conant selbst war es, der seine Ideen auf denen von Horace Mann und anderen aufbaute, die sich unablässig für ein amerikanisches Schulsystem einsetzten, das entlang genau dieser Grundsätze ausgearbeitet wurde. Leute wie George Peabody, der die Gründe für die Zwangsschule im Süden der USA ausarbeitete, waren sich mit Sicherheit im Klaren darüber, dass das preußische Bildungssystem nicht nur nützlich war, um eine harmlose Wählerschaft und gefügige Arbeiter zu schaffen, sondern auch eine Herde gedankenloser Konsumenten. Eine große Zahl an Industriemagnaten wie Andrew Carnegie und John D. Rockefeller hatte ziemlich schnell begriffen, welche enormen Profite in Aussicht standen, würde man eine solche Herde mithilfe der öffentlichen Schulbildung kultivieren und in eine bestimmte Richtung lenken.

So sieht´s aus. Das Konzept des Klassenkampfs von Karl Marx ist überhaupt nicht vonnöten, um zu erkennen, dass es im Interesse der komplexen Verwaltung – der wirtschaftlichen oder politischen – liegt, die Menschen zu verdummen, zu demoralisieren, gegeneinander auszuspielen und auszusondern, sollten sie sich nicht konform verhalten. Die Schaffung der Klassen dürfte Absicht sein, wie Woodrow Wilson im Jahre 1909, als er Präsident der Princeton University war, vor der Schullehrer-Vereinigung in New York City erklärte:

„Wir wollen eine Klasse von Personen, die über eine liberale Bildung verfügt, und wir wollen eine weitere, eine bedeutend größere Klasse von Personen – wie es gezwungenermaßen in jeder Gesellschaft der Fall ist – die auf das Privileg einer liberalen Bildung verzichtet und sich darauf einstellt, spezielle, diffizile manuelle Tätigkeiten zu vollbringen.“

Die Motive, die hinter den widerwärtigen Entscheidungen stehen, um diese Ziele dann auch zu erreichen, müssen selbst jedoch überhaupt nichts mit gesellschaftlichen Klassen zu tun haben. Sie können alleine schon von der Angst herrühren oder von dem mittlerweile weit verbreiteten Glauben, dass „Effizienz“ die höchste aller Tugenden ist, und nicht etwa Liebe, Freiheit, Freude oder Hoffnung. Und am Wichtigsten: Als Motivation reicht auch einfach nur die Gier.

Schließlich konnte man in einer Wirtschaft, die auf Massenproduktion beruht und zu Gunsten großer Konzerne organisiert ist, anstatt zu Gunsten kleiner Unternehmen und landwirtschaftlicher Höfe, gigantische Vermögen machen. Doch die Massenproduktion bedarf des Massenkonsums, und Ende des 19. Jahrhunderts erachteten es die meisten Amerikaner als unnatürlich wie auch töricht, Dinge zu kaufen, die sie in Wirklichkeit garnicht benötigen. Das Zwangsschulsystem war diesbezüglich ein Geschenk des Himmels. Die Schule brauchte die Kinder überhaupt nicht direkt zu trainieren, unaufhörlich zu konsumieren, da sie etwas viel besseres bot: Sie ermutigte die Kinder, überhaupt nicht zu denken, und überließ sie dann als wehrlose Opfer einer weiteren großen Erfindung der modernen Ära – dem Marketing.

Nun muss man nicht Marketing studiert haben, um zu wissen, dass es zwei Gruppen von Menschen gibt, die man immer davon überzeugen kann, mehr zu konsumieren, als sie eigentlich müssten: Süchtige und Kinder. Die Schule hat ziemlich gute Arbeit dabei geleistet, unsere Schüler in Süchtige zu verwandeln, wirklich spektakuläre Arbeit hat sie jedoch dabei geleistet, unsere Kinder in Kinder zu verwandeln. Noch einmal: Das ist kein Zufall. Die Theoretiker von Plato über Rousseau bis hin zu unserem Dr. Inglis wussten, dass, schließt man Kinder mit anderen Kindern zusammen ein und beraubt sie ihrer Verantwortung und Unabhängigkeit, während man triviale Gefühle der Gier, des Neids und der Angst befördert, sie, wenn sie später älter werden, nie wirklich erwachsen werden. In der 1934 erschienenen Ausgabe seines weithin bekannten Buches „Öffentliche Bildung in den Vereinigten Staaten“ beschrieb und lobte Ellwood P. Cubberley, wie man mithilfe der Strategie der erfolgreichen Ausweitung der Schule die Kindheit um zwei bis sechs Jahre gestreckt hätte, und das zu einem Zeitpunkt, wo die Zwangsschule noch immer ziemlich neu war. Derselbe Cubberley – der Dekan der Stanford´s School of Education, Schulbuchherausgeber bei Houghton Mifflin und Conant´s Freund und Korrespondent in Harvard – war es auch, der im Jahre 1922 in seinem Buch „Öffentliche Schulverwaltung“ schrieb:

„Unsere Schulen sind … Fabriken, in denen die Rohprodukte [Kinder] geformt und gestaltet werden … Und es ist die Angelegenheit der Schule, ihre Schüler gemäß den niedergelegten Spezifikationen zu schaffen.“

Anhand unserer heutigen Gesellschaft ist absolut augenfällig, was das für Spezifikationen sind. Die Mündigkeit wurde mittlerweile praktisch aus allen unseren Lebensbereichen verbannt. Ein einfaches Scheidungsrecht hat die Notwendigkeit beseitigt, an Partnerschaften arbeiten zu müssen; leichter Kredit hat die Notwendigkeit fiskalischer Selbstkontrolle beseitigt; leichte Unterhaltung hat die Notwendigkeit beseitigt, sich beizubringen, wie man sich selbst unterhält; leichte Antworten haben die Notwendigkeit beseitigt, Fragen stellen zu müssen. Wir haben uns in eine Nation aus Kindern verwandelt, die glücklich sind, ihre Urteilsfähigkeit und ihren Willen gegen politische Ermahnungen und kommerzielle Schmeicheleien einzutauschen, die für jeden wirklich erwachsenen eine Beleidigung wären. Wir kaufen uns Fernsehgeräte und dann kaufen wir uns Dinge, die wir uns im Fernsehen anschauen können. Wir kaufen uns Computer und dann kaufen wir uns Dinge, die wir auf dem Computer anschauen können. Wir kaufen uns Turnschuhe für USD 150, ganz egal, ob wir sie nun brauchen oder nicht, und wenn sie kurz darauf auseinanderfallen, kaufen wir uns die nächsten. Wir fahren Geländewagen und sitzen der Lüge auf, dass sie eine Art Lebensversicherung darstellen würden, obwohl das Gegenteil der Fall ist. Und am Schlimmsten: Wir zucken nicht einmal mit der Wimper, wenn uns der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, erklärt, wir „sollten vorsichtig sein mit dem, was wir sagen“ – selbst wenn wir uns noch daran erinnern können, dass uns irgendwann in der Schule mal gesagt worden ist, dass Amerika das Land der Freien sei. Ja, auch das schlucken wir noch.

Und jetzt die gute Nachricht: Hat man die Logik, die hinter dem modernen Schulsystem steht, erst einmal verstanden, ist es ziemlich einfach, seine Tricks und Fallen zu vermeiden. Die Schule trainiert die Kinder, Arbeitnehmer und Verbraucher zu sein; bringen Sie Ihren Kindern bei, Führer und Abenteurer zu sein. Die Schulen trainieren Kinder, reflexhaft zu gehorchen; bringen Sie Ihren Kindern bei, kritisch und unabhängig zu denken. Gut-geschulte Kinder langweilen sich schnell; helfen Sie Ihrem Kind dabei, ein geistiges Leben zu entwickeln, so dass es sich nie langweilt. Drängen Sie Ihr Kind dazu, sich mit ernsthaften Materialien auseinanderzusetzen, mit Materialien für Erwachsene – in Geschichte, Literatur, Philosophie, Musik, Kunst, Wirtschaft, Theologie – also all den Sachen, die die Schullehrer gut genug kennen, um sie wegzulassen. Fordern Sie Ihre Kinder mit eine Unmenge an Langeweile heraus, so dass sie lernen können, ihre eigene Gesellschaft zu schätzen und innere Dialoge zu halten. Gut-geschulte Kinder sind darauf konditioniert, das Alleinsein zu fürchten, und sehnen sich fortwährend nach Begleitung durch den Fernseher, den Computer, das Handy und oberflächliche Freunde, die sie schnell gewinnen und schnell wieder verlieren. Ihre Kinder sollten ein sinnvolleres Leben führen, und das können sie auch.

Zunächst einmal müssen wir begreifen, was unsere Schulen tatsächlich sind: Kinderversuchslabore, Exerzierzentren für Verhaltensweisen und Einstellungen, die die Konzerngesellschaft nachfragt. Sollte die Zwangsbildung den Kindern doch einmal helfen, ist das reiner Zufall; ihre wirkliche Aufgabe ist es, sie in Knechte zu verwandeln. Lassen Sie es nicht zu, dass ihre Kindheit verlängert wird, nicht einen Tag. Wenn David Farragut noch vor Erreichen des Teenager-Alters in der Lage war, das Kommando eines gekaperten britischen Kriegsschiffes zu übernehmen, Thomas Edison mit zwölf Jahren eine Zeitung herausgeben und sich Ben Franklin im selben Alter zu einem Buchdrucker aufschwingen konnte (und sich dann ein Selbststudium auferlegte, bei dem heutzutage führende Yale-Studenten das Handtuch werfen würden), gibt es keinen Grund zu der Annahme, warum unsere Kinder dazu nicht in der Lage sein sollten. Nach einem langen Leben und 30 Jahren an der vordersten Front öffentlicher Schulen bin ich zu der Schlussfolgerung gelangt, dass Genialität so weitverbreitet ist wie Sand am Meer. Wir haben unsere Genialität einfach nur unterdrückt, schlicht weil wir bisher noch nicht dahintergekommen sind, wie man eine Bevölkerung gebildeter Männer und Frauen verwaltet. Die Lösung, wie ich meine, ist simpel und wunderbar. Lassen wir sie sich einfach selber verwalten.

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