Japan: Die Rückkehr der Zombie-Banken

Wolf Richter, Testosteronepit.com, 16.09.2013

Die japanischen Banken, die das eine oder andere über Bankenkrisen wissen dürften, habe sich auf der Liste der ausländischen Kreditgeber wieder einmal an die Spitze der Meute gearbeitet. Und dank ihres Talents für unschlagbares Timing, sind sie in den Schwellenmärkten wieder einmal zur stärksten Kraft avanciert – also genau zu dem Zeitpunkt, wo dort die Finanzturbulenzen wieder hochkochen.

Unter der neuen Religion „Abenomics“ hat sich die japanische Zentralbank in ein wildes Gelddruck- und Anleiheaufkaufprogramm gestürzt, um den Yen zu entwerten – was teilweise schon erreicht worden ist – und die Banken dazu zu bringen, ihre riesigen Bestände an japanischen Staatsanleihen an die Bank von Japan zu veräußern.

Die von den japanischen Banken durch diese Anleiheverkäufe generierten Einnahmen sollen dann an japanische Unternehmen weitergereicht werden, so dass diese in produktive Vermögenswerte investieren können und die Wirtschaft wieder anfängt zu produzieren und an Fahrt aufnimmt. Die Unternehmen sind aber nicht in der Stimmung zuhause zu investieren, und daher gibt es in Japan kaum Kreditnachfrage.

Aber im Ausland gibt es diese Nachfrage. Die japanischen Banken überschlagen sich zurzeit dabei, diesen Unternehmen Geld zu leihen, auch japanischen Unternehmen, die ihre Produktion ins Ausland verlagern. Dreh- und Angelpunkt: Die Schwellenmärkte, wo die grenzüberschreitende Kreditvergabe im ersten Quartal dieses Jahres laut dem am Sonntag veröffentlichten Quartalsbericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ihr höchstes Niveau aller Zeiten erreicht hat. Die größten Empfängerländer: China, Brasilien und Russland.

Die japanischen Banken stellten im ersten Quartal dieses Jahres 13% aller grenzüberschreitenden Kredite und lagen damit vor den US-Banken (12%), den deutschen Banken (11%), den britischen und den französischen Banken (jeweils 10%).

Die Yen-Kreditvergabe stieg im ersten Abenomics-Quartal von Januar bis März dieses Jahres um 4,3% oder USD 55 Milliarden. Das entspricht fast der Hälfte der USD 114 Milliarden, die während des gesamten 12-Monatszeitraums verzeichnet wurden!

Die Rate der Auslandskreditvergabe hat fast schon frenetische Züge angenommen. Und das zeigt sich auf vielfache Art und Weise. Beispielsweise fand eine Umfrage der im Staatsbesitz befindlichen japanischen Entwicklungsbank heraus, dass die japanischen Unternehmen planen, ihre Auslandsinvestments dieses Jahr um 26% auszuweiten.

Zur selben Zeit ist die weltweite grenzüberschreitende Kreditvergabe laut den Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich im ersten Quartal zurückgegangen. Dollarkredite gingen um USD 28 Milliarden zurück (-0,1%), Eurokredite um USD 145 Milliarden (-1,4%) und Sterlingkredite um USD 57 Milliarden (-4,0%). Insgesamt gingen die Auslandskredite der Industrieländer um USD 341 Milliarden oder 1,5% zurück.

Aber das erste Quartal 2013 zählt mit Sicherheit zu den glücklichen Tagen der Schwellenmärkte – das war bevor die jüngsten Verwerfungen dafür sorgten, dass es einen Großteil der rosigen Szenerie zerfetze. Die Banken hatten ihre Aktivitäten in dieser Region ausgeweitet; die grenzüberschreitenden Kredite an diese Länder schossen um USD 267 Milliarden oder 8,4% in die Höhe. Ein Tsunami an Geld (der nun wieder zurückgeht).

Und es ist ja nun nicht so, als hätten das die japanischen Banken noch nicht durchgemacht. Schon während der Blase der späten 80er Jahre hatten die japanischen Banken die US-Banken als größten Auslandskreditgeber entthront – auch in den Schwellenmärkten. 1989 erreichte die grenzüberschreitende Kreditvergabe japanischer Banken mit 39% ihren Höhepunkt. Sie hatten ihre Gründe dafür – dazu gehörte, wie die BIZ erklärt, auch der Wunsch, „die heimischen regulatorischen Einschränkungen zu vermeiden.“

Aber dann kam die unvermeidliche Bankenkrise, die diese uneinnehmbaren Finanzbollwerke – für die kein Kredit zu groß und kein Vermögenswert zu überteuert war – in die berüchtigten Zombie-Banken der 90er Jahre verwandelte.

Mit einem Haufen verrottender Kredite in ihren Kellern konzentrierten sie sich von nun an auf das eigene Überleben und hatten überdies auch noch mit dem Beginn der Deregulierungsphase zu tun. Es kam zu Konsolidierungswellen, die dafür sorgten, dass 20 große „Stadtbanken“ in die heutigen drei Megabanken verwandelt wurden, die, Gott sei Dank, mittlerweile zu groß sind, um pleitegehen zu dürfen.

Japan-banks-cross-border-lending-v-banks-from-other-countries

Die BIZ-Grafik zeigt den Zusammenbruch der japanischen Auslandskredit-Blase. Sie bildete in 2007 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise mit 8% ihr Tief aus. Und dann begannen die japanischen Banken abermals mit der Ausweitung ihrer Auslandskreditvergabe. Jetzt sind sie wieder die Nummer 1, wenn auch mit einem viel geringeren Anteil als früher.

Es gibt auch eine dunkle Seite

Bis zum ersten Quartal 2013 waren die grenzüberschreitenden Kredite japanischer Banken (also der drei Megabanken) auf USD 4 Billionen gestiegen. Die ihnen dabei zufließende Finanzierung aus dem Ausland lag aber nur bei USD 2 Billionen – Gelder, die hauptsächlich von Nichtbanken aufgebracht wurden, so die BIZ. Die restlichen USD 2 Billionen wurde durch Japan finanziert.

Und das heißt, dass die japanischen Banken die riesigen Einlagen, die sie zuvor unter großen Anstrengungen japanischen Sparern entlockten, die davon eigentlich während ihrer langen Rentenjahre leben wollen, im Ausland investierten. Das Investieren dieser USD 2 Billionen im Ausland zur Finanzierung von Unternehmenserweiterungen, Akquisitionen und anderer Operationen wie der Auslagerung der Produktion in Schwellenmärkte oder sogar in die USA war für diese Länder ein Segen. Doch der japanischen Wirtschaft hat es nichts gebracht – und das obwohl USD 2 Billionen in der japanischen USD 4,6 Billionen Wirtschaft eine Menge Geld gewesen wären.

Und jetzt haben diese japanischen Megabanken ihre Anstrengungen bei der Auslandskreditvergabe verdoppelt, da sie nun eine neue Finanzierungsquelle gefunden haben, wieder zuhause. Auf Drängen der Bank von Japan verkaufen die japanischen Banken der Zentralbank nun im Rahmen von Abenomics ihre riesigen Bestände an japanischen Staatsanleihen – allein im letzten Quartal waren es USD 242 Milliarden. Und auch diese Gelder fließen nun zu weiten Teilen ins Ausland.

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