Verheerende Geldpolitik: Der japanische Staatsanleihemarkt ist tot

Wolf Richter, Testosteronepit.com, 06.10.2013

„Der japanische Staatsanleihemarkt ist tot“, sagte Tetsuya Miura, der leitende Anleihe-Stratege bei Mizuho Securities, einer der 23 japanischen Primary Dealer, die bei den Auktionen japanischer Staatsanleihen (JGB) mitbieten müssen.

Die Bank von Japan befindet sich auf einem Kreuzzug. Keine andere Zentralbank der Industrieländer agiert rücksichtsloser, nicht einmal die US-Notenbank. Und wie bei jeder guten Täuschungskampagne basieren auch die geldopolitschen Maßnahmen der Bank von Japan auf der sich ständig wiederholenden, absichtsvollen Fehlinterpretation des Problems.

„Die größte Herausforderung, mit der die japanische Wirtschaft konfrontiert ist, besteht darin, die Deflation zu überwinden“, so der Zentralbank-Gouverneur Haruhiko Kuroda am Dienstag. Fehlerinterpretation deshalb, weil die geringe Inflation der letzten 15 Jahre von einer geringen Deflation unterbrochen wurde, was für eine winzige Nettodeflation sorgte. Den Japanern ist der schmerzliche Prozess der Aushöhlung ihrer Gehälter und Vermögenswerte mittels der Inflation einfach erspart geblieben. Nein, Japans „größte Herausforderung“ sind seine hartnäckigen, völlig außer Kontrolle geratenen Haushaltsdefizite, bei denen Jahr für Jahr fast die Hälfte – und manchmal auch über die Hälfte – aller Staatsausgaben über Schulden finanziert werden. Dieses Konjunkturprogramm, das größte der Welt, hat sich in einen unüberwindbaren Schuldenberg verwandelt.

Seit dem 01.04.2013 – dem Beginn des japanischen Fiskaljahrs – hat die Bank von Japan mit einer für Industrieländer beispiellosen Gelddruckkampagne begonnen und monatlich JPY 7 Billionen gedruckt, so Kuroda am Dienstag in Osaka gegenüber Führern japanischer Großkonzerne, um so eine „2%ige Preisstabilität“ zu erreichen – das ist ein Insider-Witz, mit dem sich Kuroda immer wieder über die japanischen Arbeitnehmer lustig macht, deren Gehälter mit der Inflation nicht mithalten können, und über die Halter japanischer Staatsanleihen sowie die Besitzer von Festgeldkonten und ähnlicher Finanzinstrumente, die nahe 0% rentieren und jetzt dahinschmelzen.

Vom 01.04.2013 bis 31.10.2013 wurde die japanische Geldbasis um 32% ausgeweitet, was exakt dem Versprechen Kurodas entspricht, die Geldbasis innerhalb von 24 Monaten zu verdoppeln und den Wert des Yens mittels „massiver Aufkäufe“ von japanischen Staatsanleihen aller Laufzeiten zu verwässern.

Kuroda wies stolz darauf hin, dass diese Maßnahmen „abgelaufen sind … wie geplant.“ Die Bilanz der Bank von Japan ist in gerade einmal sieben Monaten um 40% auf JPY 176,6 Billionen explodiert. Das sind die Charakteristika einer Zentralbank, die in voller Blüte steht. Und selbst wenn diese Gelddruckmaßnahmen der Realwirtschaft nicht helfen, so sind sie doch in anderen Bereichen sehr erfolgreich gewesen.

Sie sorgen für Vermögensblasen. Die jährliche Inflation wurde im September auf 1,1% getrieben, während die Warenpreise um 2,1% zulegten! Die Renditen wurden nach unten gedrückt. Die 10-jährige japanische Staatsanleihe rentiert derzeit mit 0,6%, das ist die niedrigste Rendite der Welt, und das obwohl diese Drecks-Anleihe ein Rating hat, das drei Stufen unter der Bestnote AAA liegt.

Und der Markt für japanische Staatsanleihen wurde vernichtet: Das durchschnittliche monatliche Handelsvolumen unter großen Finanzinstitutionen ist im letzten Quartal auf JPY 37,9 Billionen eingebrochen, das ist der niedrigste Stand seit 2004, dem Beginn der Erfassung dieser Daten durch die japanische Wertpapierhändlervereinigung. Das ist ein Rückgang von 61% gegenüber dem monatlichen Schnitt des Vorjahres in Höhe von JPY 98 Billionen.

Die japanischen Staatsanleihen reagieren nicht mehr auf fiskalische Risiken, die Inflation, die Wirtschaft oder sonst irgendwas. Die Liquidität hat sich in Luft aufgelöst. Die Preisfindung ist bedeutungslos geworden.

Nachdem Tetsuya Miura den japanischen Staatsanleihemarkt für tot erklärt hat, wies er laut Bloomberg unheilvoll darauf hin, dass diese niedrigen Renditen

„angesichts sich verschlechternder japanischer Finanzen für den Mangel an finanzpolitischen Reformen verantwortlich sind. Die politischen Entscheidungsträger glauben, dass sie weiterhin ohne Probleme Kredite aufnehmen können.“

Sie haben eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 5% auf 8% verabschiedet, eine Regelung, die am 01.04.2014 in Kraft treten wird. Das wird für neue Steuereinnahmen sorgen. Und es sorgt heute bereits für einen Tsunami an Käufen, da die japanischen Verbraucher und Unternehmen derzeit große Anschaffungen tätigen – was für einen Einnahmeloch sorgen wird, wenn die Steuererhöhung in Kraft tritt.

Japan hat das schon einmal durchmachen müssen. Daher hat die japanische Regierung auch ein JPY 5 Billionen schweres Konjunkturpaket aufgelegt, um auf die negativen Auswirkungen der Steuererhöhung zu reagieren. Und während die Verbraucher im Grunde für alle Güter mehr zahlen müssen, erhalten die Konzerne eine ganze Reihe von Geschenken.

Japan hat eine der höchsten Körperschaftssteuern der Welt – aber genauso wie in den USA gibt es Freibeträge, Schlupflöcher und Steuervermeidungsstrategien, so dass laut Finanzminister Taro Aso in Wirklichkeit nur 30% aller Unternehmen überhaupt Körperschaftssteuer zahlen. Und ab dem 01.04.2014 wird ihre Steuerlast noch geringer ausfallen – ein weiteres Merkmal der finanzpolitisch verantwortungslosesten Nation unter den Industrieländern.

Aber Miura war nicht der einzige, der den Tod des japanischen Staatsanleihemarkts und die Abkopplung dieser Wertpapiere von den Fundamentaldaten beklagt hat.

Takatoshi Kato, der ehemalige Währungs-Chef beim Finanzministerium und jetzige Präsident des japanischen Center for International Finance, erklärte, dass die Bank von Japan bereit sei, „Die Liquidität und Handelsvolumina des Anleihemarkts zu opfern“, um die Inflation anzuheizen.

„Im Grunde gibt es keinen japanischen Staatsanleihemarkt mehr“, so Nicholas Spiro, der leitende Geschäftsführer von Spiro Sovereign Strategy in London gegenüber Bloomberg.

„Die Funktionen des Markts werden dem Ziel, die Deflation zu beenden, geopfert“, sagte Izuru Kato, der Präsident von Totan, dem Forschungsarm des Geldmarktbrokers Tokyo Tanshi. Und Kato warnte, dass ein Rückbau der aktuellen geldpolitischen Belebungsmaßnahmen dazu führen könnte, dass die Anleihepreise fallen, während die Renditen in die Höhe getrieben werden, was eine ganze Reihe von Problemen mit sich brächte.

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