An vorderster Finanzfront: Behalten Sie den Deutschen Aktienindex im Auge!

Der nächste Krieg wird nicht mit Armeen geführt werden. Er wird an der Finanzfront geführt werden. Währungskriege, Zahlungsausfälle und Cyberangriffe dürften viel eher zum künftigen Trend gehören als zwei sich gegenüberstehende Armeen

David Chapman, MGI Securities, 01.05.2014

Die Europäische Union mag zwar eine wirtschaftliche und politische Union aus 28 Mitgliedsländern sein, aber es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Deutschland das Zentrum der EU ist. Als Ganzes gesehen ist die EU mit einem BIP von USD 17,4 Billionen (2013) die größte Wirtschaft der Welt. Deutschland ist mit einem BIP von USD 3,6 Billionen die größte Wirtschaft der EU. Damit käme Deutschland hinter den USA, China und Japan auf Rang 4.

Die Europäische Union sollte jedoch nicht mit der Eurozone durcheinandergebracht werden. Von den 28 EU-Mitgliedsländern haben nur 18 Länder den Euro als gemeinsame Währung eingeführt. Diese 18 Länder bilden die Eurozone. Drei kleine Länder (Andorra, Monaco und Vatikanstadt) haben Vereinbarungen mit der EU, den Euro als ihre Währung verwenden und ihre eigenen Euromünzen prägen zu dürfen, sind aber nicht offiziell Teil der Eurozone. Zwei andere Länder (Kosovo und Montenegro) sind keine EU-Mitglieder, verwenden intern aber den Euro.

Deutschland zählt mit Frankreich, Belgien, Italien, Luxemburg und den Niederlanden zu den Gründungsländern der Europäischen Union. Deutschland, die fünf anderen EU-Gründungsländer und Österreich, Finnland, Irland, Portugal und Spanien waren die Gründungsländer der Eurozone.

In unserer auf Nordamerika fixierten Welt neigen wir dazu, die europäischen Börsen und ihre Indizes zu übersehen. Der Frankfurter Aktienmarkt oder die Deutsche Börse ist nach Marktkapitalisierung die zehntgrößte Börse der Welt. Die Londoner Börse die größte Börse der Europäischen Union.

Frankfurt ist ein großes Finanzzentrum, aber trotzdem nur das elftgrößte der Welt. New York und London sind die beiden größten Finanzzentren auf dem Planeten. Selbst einige regionale Finanzzentren wie Boston und San Francisco stehen, was die Größe als Finanzzentrum anbelangt, noch vor Frankfurt.

Der DAX ist die Kurzbezeichnung für die Deutsche Börse AG. Der DAX ist im Grunde die deutsche Entsprechung des Dow Jones Industrial Average (DJI). Genauso wie der Dow Jones setzt sich der DAX aus 30 großen Unternehmen zusammen.

Es dürfte schlau sein, den DAX künftig im Auge zu behalten. Deutschland und Russland sind auf bedeutende Art und Weise miteinander verbunden. Zwar konzentrieren sich zurzeit alle auf die von den Deutschen benötigte Energie, die von Russland geliefert wird, aber auch Russland ist auf deutsche Investments angewiesen.

Die weiterhin diskutierten Sanktionen gegen Russland, die auf die Ukraine-Krise zurückgehen, könnten Deutschland in Bedrängnis bringen. Deutschland erhält rund 30% seines Energiebedarfs aus Russland. Russisches Öl und Erdgas stellen einen Großteil der geschätzten EUR 40 Milliarden an russischen Exporten nach Deutschland.

Es wird davon ausgegangen, dass Deutschland Güter im Wert von rund EUR 38 Milliarden nach Russland ausführt, wobei es sich hierbei hauptsächlich um mechanische Güter, Medizin, Züge und Autos handelt. Über 6.000 deutsche Unternehmen sind in Russland gemeldet und haben dort in den letzten paar Jahren rund EUR 20 Milliarden investiert. Es wird geschätzt, dass rund 300.000 deutsche Arbeitsplätze auf eine anhaltende Geschäftsbeziehung zu Russland angewiesen sind. Das gesamte EU-Handels- und Investmentvolumen in Russland beläuft sich auf rund EUR 360 Milliarden.

Zahlreiche deutsche Unternehmen haben sich bezüglich der Sanktionen gegen Russland besorgt gezeigt, aber das taten amerikanische, britische und kanadische Unternehmen auch.

01

Russland ist mit einem BIP von USD 2,1 Billionen die achtgrößte Wirtschaft der Welt. Das ist eine kleinere Wirtschaft als Deutschland, aber sie ist dennoch ziemlich bedeutsam. Russland gehörte zu den Lieblingen der westlichen Kreditgeber. Laut den Daten der russischen Zentralbank belief sich die russische Auslandsverschuldung Ende 2013 auf USD 732 Milliarden. Fast USD 200 Milliarden davon wurden in den letzten 24 Monaten aufgenommen.

Und obschon die Summe, die Russland den westlichen Banken schuldet, erheblich ist, fällt das russische Schulden/BIP-Verhältnis mit 34% im Vergleich zu den EU-Ländern wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland oder den USA, Japan und sogar Kanada ziemlich gering aus.

S&P hat Russland jüngst auf BBB- abgewertet – das ist gerade einmal eine Stufe über Ramschstatus. Das müsste für die westlichen Banken, die russische Schulden halten, Anlass zur Sorge sein. Die französischen Banken sind die Spitzenreiter, was die russischen Schulden anbelangt. Danach folgen die USA, Italien und Deutschland. Russland wendet sich nun Asien zu, um die Sanktionen zu umgehen und weiterhin Zugang zu Finanzmärkten zu haben, dennoch sind die enormen Kredite, die Russland durch westliche Banken zur Verfügung gestellt worden sind, ein weiteres systemisches Risiko, das von der EU und selbst den USA bedacht werden muss.

Der nächste Krieg wird nicht mit Armeen geführt werden. Er wird an der Finanzfront geführt werden. Währungskriege, Zahlungsausfälle und Cyberangriffe dürften viel eher zum künftigen Trend gehören als zwei sich gegenüberstehende Armeen.

Es könnte also durchaus Sinn machen, den DAX im Auge zu behalten. Das sich derzeit auf dem Wochenchart ausbildende Kursmuster erinnert doch verdächtig an das Kursmuster, das sich 2007 und dann noch einmal 2011 ausbildete. Der DAX ist einer Aufwärtstrendlinie gefolgt, die parallel zu der Trendlinie verläuft, die sich zwischen 2009 und 2011 ausbildete. Der DAX ist jüngst unter seinen gleitenden 13-Wochenschnitt gesunken, konnte sich dann jedoch wieder beim gleitenden 40-Wochenschnitt fangen. Der RSI-Indikator des DAX liegt nun nicht mehr im überkauften Bereich, genauso wie es auch 2006, 2007 und 2011 zu beobachten war (rote Pfeile).

Bisher ist der DAX noch nicht gefallen, aber der Dow Jones ist auch noch nicht gefallen. Beide Indizes haben ebenso wie zahlreiche andere Aktienmarktindizes bereits Warnzeichen abgegeben. Russland dürfte auf Sanktionen mit Vergeltungssanktionen reagieren. Das kann nicht mit Sanktionen gegen den Irak, Syrien oder Nordkorea verglichen werden. Der Russische Bär kann zurückbeißen und die größte Wirtschaft der Europäischen Union wäre demgegenüber ziemlich anfällig. Kein Wunder also, dass die Sanktionen bisher wesentlich schwächer ausfielen, als von Vielen gefordert wurde.

Weitere Artikel zu diesem Thema


  • Fakten zur russischen Wirtschaft: Sanktionen wären ein Spiel mit dem Feuer
  • Sanktionen gegen Russland wären ein gefährliches Spiel mit wohlmöglich verheerenden Auswirkungen … Russland wäre der Verlierer und der Westen wäre auch der Verlierer – und eine russische Staatspleite könnte zu einer weltweiten Ansteckung und einem Zusammenbruch des Weltfinanzsystems führen …
  • Handelskrieg: Wie Europa in den Ruin schlittert
  • In diesem Handelskrieg steht also zunehmend mehr auf dem Spiel – ein Handelskrieg, der bei vielen europäischen und russischen Unternehmen und den Wirtschaften an sich bereits für ernsthafte Probleme sorgt. Die entscheidende Frage ist: Wer knickt zuerst ein?
  • Zombie-Banken: Vollständige Kernschmelze des europäischen Bankensystems wird immer wahrscheinlicher
  • Martin Armstrong, Armstrongeconomics.com, 29.04.2014 Genauso wie die amerikanischen Banken in den 1970er Jahren mit offenen Armen nach Südamerika stürmten und am Ende mit faulen Krediten dastanden, könnte sich auch der Wirtschaftskrieg gegen Russland als Bumerang erweisen, da die Rechtsanwalts-Politiker überhaupt nicht in der Lage zu sein scheinen, zu begreifen, dass wir es hier mit einer globalen
  • Euro-Krise: Eurozone steht kurz vor dem nächsten Wirtschaftseinbruch
  • Die Eurozone steht nun offiziell kurz vor einer Triple-Dip-Rezession, nicht zuletzt weil der deutsche Einkaufsmanagerindex (PMI) auf ein 15-Monatstief gefallen ist. Die Wirtschaftskrise hat sich also endgültig bis zum Zentrum Europas durchgefressen
  • Wirtschaftsdepression: Die zwei erschreckendsten Charts der Eurozone
  • Obwohl der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, darauf beharrt, dass „bedeutende“ Fortschritte erzielt worden seien, dass die Anstrengungen der EZB keine „Killer-Medizin“ gewesen sind und die Aktien höher und die Renditen niedriger notieren …