Deflationsschock 2.0: Preiseinbrüche bei Rohstoffen und Währungen hielten auch im Juli weiter an

Der anhaltende Einbruch bei den Rohstoffpreisen und den klassischen Rohstoffwährungen ist ein unheilvolles Omen im Hinblick auf die weltweiten Wachstumsaussichten

Dan Norcini, Traderdan.com, 01.08.2015

Die sicherste Methode, die Stimmung im Hinblick auf die weltwirtschaftlichen Wachstumsaussichten zu ermitteln, besteht nach meinem Dafürhalten darin, sich die Performance im Rohstoffsektor anzuschauen.

Steigt die Stimmung bezüglich des weltweiten Wirtschaftswachstums, neigen auch die Rohstoffe dazu, einen starken Aufwärtstrend in den Charts aufzuweisen. Das Gegenteil ist ebenfalls wahr: Trüben sich die weltweiten Wachstumsaussichten ein, weisen die Rohstoffe die allgemeine Tendenz auf, zu fallen und abverkauft zu werden.

Und was verrät uns der nachfolgende Chart über die Stimmung der Investoren und Trader?

01

Das Atemberaubende wie auch Besorgniserregende an diesem Chart des Goldman Sachs Rohstoffindexes ist, dass alleine in den USA im Rahmen der quantitativen Lockerungsmaßnahmen USD 4,5 Billionen gedruckt wurden, ganz zu schweigen von den riesigen Mengen an quantitativer Lockerung in Japan und den anhaltenden QE-Maßnahmen in der Eurozone, und die Rohstoffe als Gruppe trotzdem wieder auf exakt demselben Ausgangsniveau angelangt sind, wo sie auch Ende 2008 notierten, also zu dem Zeitpunkt, wo in den USA das erste QE-Programm verkündet wurde. Das ist einfach nur unglaublich!

Meine Frage ist: „Und jetzt?“ Was werden die Zentralbanken als nächstes tun, wenn es ihnen nicht gelingt, ihr geliebtes 2%-Inflationsziel zu erreichen?

Ich hatte ja in der Vergangenheit bereits darauf hingewiesen, dass QE-Maßnahmen alleine nicht ausreichend sind, um anhaltendes Wirtschaftswachstum hervorzubringen. Das Beste, was dadurch erreicht werden kann, ist, einen weiteren Einbruch bei der Wirtschaftsaktivität zu verhindern, indem der Patient irgendwie weiter am Leben erhalten wird. Für echtes Wirtschaftswachstum braucht man aber unternehmensfreundliche politische Maßnahmen, wozu Rückschnitte bei der Bürokratie (Bürokratiereform), Steuerreformen, eine umsichtige Gesundheitsreform, Steuererleichterungen und Anreize zur Repatriierung von Kapital usw. gehören. Nichts von dem ist derzeit in den USA in Planung, und soweit ich das übersehen kann, ist von derlei Maßnahmen auch in Europa und Japan nichts in Sicht.

China schwächt sich aktuell ab, nachdem es dort zu viele Jahre hintereinander eine unaufhaltsame Ausweitung gegeben hat, die durch leichte Kredite angefeuert wurde. Jetzt hat das Land mit seiner eigenen Version eines Wirtschafts-Boom-&-Bust-Zyklus zu kämpfen.

Also? Was soll denn nun der konkrete Auslöser sein, der für die Art von Wirtschaftswachstum sorgt, das nötig wäre, um die Nachfrageseite des Rohstoffsektors wieder anzuheizen? Antwort: Unbekannt, zumindest kenne ich keinen derartigen Auslöser.

Es schaudert mich, wenn ich mir vorstelle, dass wir vielleicht noch bis Januar 2017 warten müssen, bis wir eine neue und hoffentlich wirtschaftsfreundliche Administration im Weißen Haus haben werden. Und in der Zwischenzeit werden wir uns wahrscheinlich weiter durchwurschteln.

Sollte es jemals zu einer Trendumkehr kommen und sich der Wirtschaftsausblick aufhellen, dann wird sich dies nach meinem Dafürhalten zuerst bei den klassischen Rohstoffwährungen bemerkbar machen.

Die Wirtschaften dieser Länder sind so stark auf die Produktion und den Verkauf von Rohstoffen angewiesen, dass ihre Währungen in Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums dazu neigen, gegenüber dem US-Dollar abzuwerten. Das Gegenteil geschieht in Phasen einer sich aufhellenden Stimmung im Hinblick auf die Weltwirtschaft – dann neigen diese Währungen dazu, gegenüber dem US-Dollar aufzuwerten.

Schauen Sie sich bitte die nachfolgenden Währungscharts an und dann verraten Sie mir, was uns diese Charts über die aktuelle Stimmung verraten:

02 03 04

Ist es nicht verblüffend, wie stark diese Charts dem Rohstoff-Index ähneln? Von diesen drei Währungen hat es den Kanadischen Dollar besonders stark erwischt: Er ist bereits unter sein Tief von 2008 gefallen, was auf den Preiseinbruch bei Rohöl zurückgeht. Darüber hinaus könnte hier noch hinzukommen, dass sich Kanada vielleicht schon in einer Rezession befindet.

Ich werde weiterhin versuchen, diese drei Währungen im Blick zu behalten und nach Signalen Ausschau zu halten, die darauf hindeuten, dass sich der Wachstumsausblick wieder ändert. Bis auf weiteres gibt es aber nicht die geringsten Hinweise darauf, die darauf hindeuten, dass das der Fall ist. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Das Wachstum schwächt sich ab und gleichzeitig geht auch die Rohstoffnachfrage zurück.

Das sollten Sie im Hinterkopf behalten, wenn sie mal wieder irgendein Geschreibsel der Goldbugs-Gurus lesen oder ein Interview hören, wo sie ihre übliche „Analyse“ zum Gold- und Silberpreis verbreiten (wonach es zu Preisexplosionen kommt, sobald die Preismanipulanten unter dem „freien, physischen Markt“ begraben werden). Wenn uns diese Charts irgendetwas verraten, dann das genaue Gegenteil, nämlich dass die Metalle noch weiter fallen müssen.

Solange diese Währungen keine massive Trendumkehr einleiten, wird die Zukunft auch weiterhin Deflation für uns bereithalten, zumindest was die Rohstoffpreise anbelangt. Die Weltwirtschaft braucht nun dringend von irgendwoher einen Funken, der den Motor wieder anspringen lässt, aber ich habe wirklich keine Ahnung, wo dieses „irgendwoher“ aktuell auszumachen sein soll.

Weitere Artikel zu diesem Thema