EU-Bankensystem am Rande des Abgrunds

Mike Whitney, Counterpunch, 10.07.2010

Das EU-Bankensystem befindet sich in riesigen Schwierigkeiten. Viele der größten Banken der Europäischen Union sitzen aktuell auf hunderten von Milliarden fragwürdiger Staatsanleihen und faulen Immobilienkrediten. Eine Abschreibung ihrer Verluste würde ihr Eigenkapital verringern und zur Restrukturierung ihrer Schulden führen. Die Banken verstecken ihre Verluste daher mit Taschenspielertricks und leihen sich Gelder bei der Europäischen Zentralbank. Das half dabei die Fäulnis im inneren des Systems zu übertünchen.

Aktuell haben 170 Banken Probleme sich auf den Märkten zu refinanzieren. Die Finanzinstitutionen hüten sich davor sich untereinander Geld zu leihen, weil sie nicht wissen, wer zahlungskräftig ist und wer nicht. Es ist reine Vertrauenssache.

Der EZB-Chef Jean-Claude Trichet versuchte die Probleme unter der Decke zu halten, aber die Märkte lassen sich nicht so leicht hereinlegen. Die Wasserstandsanzeiger, wie der Euribor, stiegen innerhalb der letzten 8 Wochen und die Investoren spüren, dass hier etwas faul ist. Sie wissen, dass die Banken mit ihren abgewerteten Vermögensbestandteilen Versteckspiel betreiben und Trichet kräftig dabei mithilft.

Vor einer Woche stiegen die Aktien aufgrund von Meldungen, die EU-Banken würden den größten Teil ihrer einjährigen EZB-Notkredite in Höhe von EUR 442 Milliarden zurückzahlen. Bei diesen Meldungen handelte es sich größtenteils um eine Finte, geschaffen um die sich wirklich abspielenden Dinge zu verbergen. Ja, die Banken hatten bedeutend weniger geliehen, als von den Analysten vorhergesagt wurde (weitere EUR 132 Milliarden), aber gerade einmal zwei Tag später liehen sich 78 Banken weitere EUR 111 Milliarden. Durch diese zusätzlichen Kredite kommt der Eindruck auf, als hätte sich Trichet die ganze Sache nur ausgedacht um die Investoren an der Nase herumzuführen.

Die Banken der Europäischen Union waren an denselben Hochrisikogeschäften beteiligt wie die Banken in den USA. Sie spielten schnell und verloren mit spekulativen Geschäften, die mit größtmöglicher Hebelung erfolgten. Bevor die Blase platzte, strichen die Banker hunderte Milliarden an Gehältern und Boni ein. Jetzt, wo die von ihnen gekauften Aktien und Anleihen im Wert verfallen sind, haben sie sich an die EZB gewandt um gerettet zu werden. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Trichet ist ein Vertreter der Bankenbranche, genauso wie Geithner und Bernanke. Seine Aufgabe ist es die politische und wirtschaftliche Macht der Banken aufrecht zu halten, damit man der Öffentlichkeit die Verluste aufhalsen kann. Aktuell versorgt die EZB in not geratende Banken „unbegrenzt“ mit Kredit, damit diese den Anschein von Zahlungsfähigkeit aufrechterhalten können. Trichet senkte die Zinssätze bis auf 1%, schuf einen sicheren Hafen für Nachteinlagen der Banken und startete ein aggressives Aufkaufprogramm für Anleihen (quantitative Lockerung), das die Preise für Staatsanleihen künstlich hoch hält. Die Bewertungen der Bankenbestände werden so von einer zentralen Behörde gestützt und spiegeln nicht ihren tatsächlichen Marktwert wider.

Der Repomarkt ist nicht geschlossen worden. Die Banken haben immer noch die Möglichkeit ihre Staatsanleihen und Papiere des Immobilienmarkts gegen kurzfristige Kredite einzutauschen. Es bedarf lediglich eines Abschlages auf den Wert ihrer Sicherheiten, der dann als Verlust in die Bilanzen aufgenommen werden muss und ihr Eigenkapital mindert. So funktioniert der Markt, aber von den Banken wird nicht verlangt sich an die Regeln zu halten.

Am 06.07.2010 berichtete Bloomberg News:

„Europäische Kreditgeber hatten in Griechenland, Italien, Portugal und Spanien Ende 2009 ein Risikokapital in Höhe von USD 2,29 Billionen, so die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich…Die Abschreibungen deutscher Banken auf Kredite und Wertpapiere werden bis Ende 2010 wahrscheinlich USD 314 Milliarden erreichen, wobei staatseigene Kreditgeber und Sparkassen den größten Teil der Verluste zu schultern haben, so der Internationale Währungsfonds in einem Bericht vom April.“

Wie Sie hieran erkennen können, kauft die EZB die griechischen Staatsanleihen nicht aufgrund einer „Staatsschuldenkrise“, sondern damit die Banken keine Verluste machen. Das Mantra der „Staatsschuldenkrise“ ist nichts weiter als eine aufgebauschte PR-Aktion. Wenn es zu teuer wird die staatlichen Maßnahmen zu finanzieren, kann Griechenland die EU verlassen und zur Drachme zurückkehren, was dem Land größere Flexibilität bei der Begleichung seiner Schulden einräumen würde. Dies würde auch die Nachfrage nach griechischen Exporten ankurbeln und dem Tourismus gut tun. Das ist die beste Lösung für Griechenland. Wo ist hier bitteschön die Krise?

Wenn Griechenland, Portugal und Spanien die EU verlassen und umschulden, gehen die Banken in Deutschland und Frankreich pleite und ihre Anteilseigner werden dabei ihr letztes Hemd verlieren. Mit anderen Worten werden die Investoren, die das Risiko auf sich nahmen, Geld verlieren – was nichts weiter ist, als die Art, wie das System eigentlich funktionieren sollte.

Weiter heißt es in dem Bloomberg-Artikel:

„Die Regionalbanken haben proportional einen geringeren Prozentsatz ihrer Vermögenswerte abgeschrieben als die US-Banken. Bis Ende 2010 werden US-Banken 7% ihrer Vermögenswerte abgeschrieben haben und Banken der Eurozone 3%, so der IWF. Europäische Banken haben den Analysten noch nicht zu erkennen gegeben, dass ihre Abschreibungen abgeschlossen sind.“

Die Banken sind also notleidend und bisher ist überhaupt nichts getan worden um dieses Problem zu beseitigen. Wo sind die Regulierungsbehörden?

Am Dienstag erreichte der Euribor ein 10-Monatshoch. Trotz Trichets Notfallprogrammen wird der Druck immer stärker. Die EZB hat aktuell über EUR 800 Milliarden an Krediten verliehen, während sich die Einlagen bei der EZB über Nacht auf rund EUR 240 Milliarden belaufen. Trichet ist gewillt die EU durch 10 oder 15 Jahre des unterdurchschnittlichen Wachstums und der hohen Arbeitslosigkeit (wie in Japan) zu schleifen um eine Handvoll Banker und Anteilseigner davor zu bewahren ihre Verluste auf sich zu nehmen. Wenn sich die Dinge noch weiter verschlimmern, könnte Trichet auch zur „Nuklearoption“ greifen, die darin besteht alle großen Banken im Stile Lehmans implodieren zu lassen, wodurch er den Mitgliedsstaaten der Eurozone dann hunderte von Milliarden Euros abpressen könnte. Das ist so schon einmal praktiziert worden, da brauchen Sie nur Paulson und Geithner fragen.

Der „Stresstest“ ist ein Betrug

In den USA wurden die Bankenstresstests durch das US-Finanzministerium im Rahmen „vertrauensbildender“ Maßnahmen organisiert. Sie erlaubten es den Banken ihre eigenen internen Modelle zur Bestimmung der Werte komplexer Wertpapiere zu verwenden. Dieselbe Regel wird auch bei den EU-Banken angewandt. Die britische Zeitung Daily Telegraph berichtet, dass einige Banken ihre Prüfungen sogar selbst durchführen werden. Wenigstens werden dadurch jegliche Zweifel im Hinblick auf den Ausgang der Tests aus dem Weg geräumt.

Am 08.07.2010 berichtete Bloomberg News dazu:

„Die europäischen Stresstests von 91 der größten Banken der Region zogen die Kritik von Analysten auf sich, die erklärten, die Aufsichtsbehörden würden die wahrscheinlichen Verluste bei griechischen und spanischen Staatsanleihen unterschätzen. Die Tests wurden geschaffen um einzuschätzen, wie die Banken in der Lage sein werden Verluste aus Krediten und Staatsanleihen zu kompensieren, erklärte der Ausschuss der europäischen Bankenaufseher [CEBS] am gestrigen Tage. Die Aufsichtsbehörden erklärten gegenüber den Kreditgebern, dass man bei den Tests einen Verlust griechischer Staatsanleihen von rund 17%, 3% bei spanischen Staatsanleihen und keine Verluste bei deutschen Schulden veranschlagen könnte, so zwei Personen, die über die Gespräche informiert wurden, jedoch nicht namentlich erwähnt werden wollten, weil es sich hier um sensible Details handelt.

Bei griechischen Staatsanleihen preisen die Kreditmärkte aktuell Verluste von rund 60% ein, sollte die Regierung die Zahlungsunfähigkeit erklären, das ist mehr als das Dreifache Niveau dessen, was als von CEBS als veranschlagt gilt. Die Derivate, welche unter dem Namen Recovery Swaps bekannt sind, werden aktuell auf einem Niveau gehandelt, das nahe legt, dass Investoren bei der Zahlungsunfähigkeit oder Umschuldung Griechenlands rund 40% zurückbekämen.“

Diese Tests sind ein Witz. Die Banken werden weiterhin Änderungen bei der Buchführung und andere Spielchen nutzen um ihre Verluste zu verschleiern. Trichet wird die Tests nutzen um sein Aufkaufprogramm für Anleihen (quantitative Lockerung) zu intensivieren, wodurch die Verluste auf die Mitgliedsländer verlagert werden. Viele dieser Banken sind insolvent und müssen umstrukturiert werden. Aber sie sind nicht wirklich in Gefahr, da sie immer noch ein Ass im Ärmel haben.

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