Warum das Zerschlagen von Schaufenstern nichts mit Anarchismus zu tun hat

James Miller, Mises.ca, 03.05.2012

Die Art, wie wir Worte verwenden, hat einen tiefgreifenden Einfluss auf die Ideen und Vorstellungen, welche Bekanntheit erlangen und die Entwicklung von Gesellschaften bestimmen. Man denke nur an den überfrachteten Begriff „Demokratie“, der mit einer extremen Giftigkeit all jenen vor den Kopf geworfen wird, die auf die schreckliche Immoralität eines Regierungssystems hinweisen, wo die Mehrheit in der Lage ist, auf der Minderheit herumzutrampeln.

Dann gibt es noch das Wort „Kapitalismus“, das ursprünglich nicht zur Beschreibung eines Systems diente, sondern von einer beleidigenden Kritik der ungehinderten, freien Märkte herrührte. Oder denken wir nur an den Begriff „liberal“ im Kontext zeitgenössischer Politik. Das Wort, mit dem einst all jene beschrieben wurden, die sich für Freihandel, friedliche Außenbeziehungen und eine lockere Einstellung gegenüber der Wirtschaft einsetzten, bedeutet heute das genaue Gegenteil. „Liberal“ wird in Nordamerika heutzutage benutzt, um Sozialdemokraten zu beschreiben, die darauf aus sind, den Staat als Zwangsmittel einzusetzen, um so bei allen Privatangelegenheiten gerechtere Zustände zu erreichen.

Und ja, dann haben wir noch das Wort „Anarchie“. Immer wenn Behördenvertreter oder die Medien von Anarchismus sprechen, wird er gewöhnlich als Synonym für Zerstörung und Chaos verwendet. Emma Goldman, die berühmte Anführerin der Arbeiterbewegung, zettelte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Deckmantel des Anarchismus Streiks und Mordpläne an. Goldman sprach sich öffentlich für den Umsturz des Kapitalismus aus und beharrte darauf, dass:

„die einzige Forderung, die Eigentum anerkennt, sein eigener gefräßiger Appetit nach noch mehr Vermögen ist, da Vermögen Macht bedeutet; die Macht zu unterdrücken, zu zerschlagen, auszubeuten, die Macht zu versklaven, zu empören, zu degradieren.“

Wenn wir nun auf die aktuellen Ereignisse schauen, so erblicken wir bei den selbsternannten Anarchisten dieselben gewaltsamen Taktiken. In Griechenland führten Austeritätsmaßnahmen – also unbedeutende Einschnitte bei den Regierungsausgaben, die mit lähmenden Steuererhöhungen einhergehen, während keine echten Arbeitsmarktreformen durchgeführt werden – zu einer ganzen Reihe von Protesten und gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei. Diese linken Anarchisten protestieren im Grunde gegen die Risiken, denen ihre staatlichen Zuwendungen ausgesetzt sind.

Am 1. Mai kam es in den USA zu einer Art Wiederbelebung der unter dem Namen „Schlacht um Seattle“ bekanntgewordenen Proteste des Jahres 1999 gegen die Welthandelsorganisation. „Anarchisten“ gingen auf die Straße und zerschlugen die Schaufenster im Zentrum von Seattle. Die Seattle Times meldete:

„Gewaltausbrüche zogen am Dienstag die Aufmerksamkeit … auf sich, da schwarz bekleidete Randalierer das Zentrum Seattles mit Glasscherben übersäten und die Polizei und die Stadt bis zum Äußersten trieben.

Der Vandalismus, ein Großteil zielte auf Finanzinstitutionen ab, rief bei den Stadtbewohnern Erinnerungen an die WTO-Aufstände von 1999 wach. Der Bürgermeister … erließ eine Notfallverordnung, wodurch die Polizei präventiv alles beschlagnahmen konnte, was als Waffe hätte dienen können.

Die Anordnung, die nach dem Vandalismus-Rausch … rund 75 mit Stangen bewaffneter augenscheinlicher Anarchisten erfolgte, trug zu Verhaftungen und später auch zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten bei.“

Dieser Krieg um die Innenstadt von Seattle wurde von schwarz gekleideten Kapitalismus-Hassern mit North Face Jacken und Levi Jeans geführt. Das erinnert doch sehr stark an die Occupy-Bewegung im Herbst vergangenen Jahres, wo man mitverfolgen konnte, wie zahlreiche Sozialisten versuchten, die Marktwirtschaft durch mit Smartphones koordinierte Märsche zum Stillstand zu bringen.

Die Gewalt von Goldman, den griechischen Aufständischen und den Protestlern in Seattle ist aber keine Folge ihres angeblichen Anarchismus. Anarchie befürwortet keinen Zwang. Anhänger des Anarchismus erachten den Staat als einen illegitimen Schützer von „Rechten“ und als institutionalisierte Macht, die dem Frieden zuwiderläuft. Doug Casey beschrieb das wohl am besten mit den Worten:

„Fakt ist, dass Anarchismus die sanfteste Form aller politischen Systeme ist. Institutioneller Zwang wird dabei nicht in Erwägung gezogen. Es ist sozusagen der Lauf des Wassers, wo allen Dingen erlaubt wird, auf ihr eigenes Niveau zu steigen oder abzusinken. Ein anarchistisches System ist notwendigerweise eines des Freimarkt-Kapitalismus. Jede Dienstleistung, die benötigt und von den Menschen gewünscht wird – wie Polizei oder Gerichte – würde von Unternehmern bereitgestellt, die dies um des Gewinn Willens tun würden.“

Privateigentum zu vernichten und gleichzeitig das Ende des Staates zu fordern, sind zwei sich diametral gegenüberstehende Positionen. Angesichts der Tatsache, dass die staatlichen Funktionen ausschließlich auf Gewalt beruhen, handelt es sich bei Aggressionen gegenüber all jenen, die sich keines Verbrechens schuldig gemacht haben, oder gegenüber Dingen, die einem nicht gehören, um nichts weiter als um Repression.

Über vertragliche Mittel erworbenes Eigentum im Namen der „Anarchie“ zu vernichten, ist kein Akt von philosophischem Dissens, sondern krimineller Entstellung. Hier sollten alle rechtlichen Konsequenzen zum Tragen kommen, die auch in einer wirklich gerechten Gesellschaft bei Aggressionsakten zum Einsatz kämen.

Fakt ist, dass viele dieser selbsternannten Anarchisten offen nach dem Ende des Kapitalismus und des privaten Unternehmertums streben. Ihr Endziel ist eine Welt, die durch den Kommunalismus und Egalitarismus definiert wird. Da der freie Markt jedoch allen Personen erlaubt, die Früchte ihrer eigenen Arbeit zu besitzen, und Erfolgsanreize bietet, handelt es sich bei ihm um den Feind dieser Syndikalismus-Vertreter.

In Wirklichkeit haben es diese linken Anarchisten aber noch nicht einmal auf das Ende des Kapitalismus abgesehen, und es geht ihnen auch garnicht um die Abschaffung des Staates – ganz im Gegenteil, es geht ihnen vielmehr um eine noch weitreichendere Dominanz einer Herrscherklasse. Murray Rothbard führte dazu aus:

„Ja und ich befürchte, dass sich dasselbe auch über die anderen Arten des linken Anarchismus sagen lässt, den kommunalen, syndikalen oder welche Form auch immer. Unter einer dünnen Fassade libertärer Rhetorik befindet sich derselbe Verpflichtungs- und Zwangs-Kollektivist, dem wir bereits in den vergangenen zwei Jahrhunderten allzu oft begegnet sind. Kratzt man ein wenig an der Fassade eines linken ´Anarchisten`, so findet sich dahinter ein egalitaristischer und auf Zwang abzielender Despot, der bei wahren Anhängern der Freiheit dafür sorgt, dass sie sich im Gegensatz dazu sogar nach Richard Nixon sehnen.“

Eigentum zerstörende Anarchisten sind überhaupt keine Anarchisten. Es sind Vandalen und Ganoven. Das Risiko eines Unternehmers geringschätzend, der mit Verbrauchern lediglich auf freiwilliger Basis in Geschäftsbeziehungen eintritt, haben sich diese Zerstörer auf das falsche Ziel eingeschossen.

Anstatt gedankenlos Eigentum zu zerstören, sollte ihr Ziel eigentlich die Aufklärung sein. Die Amerikanische Revolution – bei all ihren positiven und negativen Aspekten – brach ja nicht über Nacht aus. Eine Minderheit brauchte fast ein ganzes Jahrzehnt, um sie durchzuführen.

Das ist übrigens auch eine Lektion für echte Anarchisten. Die Menschen wachen nicht eines Tages auf und begreifen dann plötzlich, was für eine Plünderungseinrichtung der Staat in Wirklichkeit ist. Es wird Jahrzehnte, wenn nicht gar Generationen brauchen, um der Öffentlichkeit eine gute Vorstellung davon zu vermitteln, wie eine freie Gesellschaft aussieht und welche Prosperität und welches Wohlergehen mit einer solchen sozialen Ordnung einhergehen.

Die Demonstranten in Seattle, die sich als Anarchisten ausgeben, müssen begreifen, dass das Einzige, was erreicht wird, wenn sie einen Terrassenstuhl durch eine Starbucks-Fensterscheibe werfen, ist, dass sie der Welt damit zeigen, wie kindisch und respektlos sie gegenüber jenen sind, die ihnen überhaupt nichts zu Leide getan haben.

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